Josiane Meier Standortfaktoren im Wandel? Erkenntnisse aus der Forschung zu Standortfaktoren und Standortwahl von Unternehmen Difu-Impulse Bd. 1/2011 Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Impressum Autorin: Dipl.-Ing. Josiane Meier, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin Redaktion: Klaus-Dieter Beißwenger Textverarbeitung, Grafik und Layout: Nadine Dräger Dieser Band ist auf 100-prozentigem Recyclingpapier gedruckt. Schutzgebühr: 15,– Euro ISBN: 978-3-88118-492-2 © Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH, Berlin 2011 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio- grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Zimmerstraße 13–15 D-10969 Berlin Telefon: (0 30) 3 90 01-0 E-Mail: difu@difu.de Internet: http://www.difu.de 3 Inhalt Vorwort ...................................................................................................................................... 5  1.  E i n l e i t u n g ..................................................................................................................... 7  1.1  Kontext und Aktualität des Themas .................................................................................... 7  1.2  Fragestellungen und Fokus ................................................................................................. 7  1.3  Methodik und Aufbau ........................................................................................................ 8  2.  S t a n d o r t f a k t o r e n ........................................................................................................ 9  2.1  Definitionen von Standortfaktoren ..................................................................................... 9  2.2  Unterscheidungsmöglichkeiten von Standortfaktoren .......................................................... 9  2.3  Zeitliche Dynamik von Standortfaktoren ............................................................................ 12  3.  U n t e r n e h m e r i s c h e S t a n d o r t e n t s c h e i d u n g e n ..................................................... 15  3.1  Arten von Standortentscheidungen ..................................................................................... 15  3.2  Gründe für Standortentscheidungen ................................................................................... 17  3.3  Phasen von Standortentscheidungsprozessen ...................................................................... 17  3.4  Verfahren in Standortentscheidungsprozessen .................................................................... 18  4.  W i r t s c h a f t u n d G e s e l l s c h a f t i m W a n d e l ............................................................ 21  5.  A n s ä t z e u n d S t a n d d e r F o r s c h u n g ....................................................................... 27  5.1  Ansätze: Ermittlung von Standortfaktoren ........................................................................... 27  5.2  Forschung: Standortfaktoren-Studien der letzten Jahre ........................................................ 29  5.2.1  Bandbreite und Vergleichbarkeit der Studien ............................................................ 29  5.2.2  Studienergebnisse: Generelle Tendenzen .................................................................. 32  5.2.3  Studienergebnisse: Ausgewählte Branchen und Unternehmenstypen.......................... 32  5.3  Forschung: Standorttypen-Studien der letzten Jahre ............................................................ 35  5.3.1  Bandbreite und Vergleichbarkeit der Studien ............................................................ 36  5.3.2  Einzelne Aspekte in Bezug auf Kultur- und Kreativwirtschaft ..................................... 37  5.4  Mögliche künftige Entwicklungen im Lichte empirischer Befunde ....................................... 41  5.4.1  Differenzieren sich Standortfaktoren weiter aus? ....................................................... 41  5.4.2  Entwickeln sich Arbeitsmärkte für Hochqualifizierte zum zentralen Standortfaktor?.... 41  5.4.3  Wächst die Bedeutung weicher Standortfaktoren? ..................................................... 42  5.4.4  Wächst die Bedeutung von Image bzw. Erscheinungsbild und Bekanntheitsgrad eines Standorts? ....................................................................................................... 42  5.4.5  Wächst die Bedeutung der räumlichen Nähe miteinander direkt oder indirekt verbundener Unternehmen und Einrichtungen? ......................................................... 43  4 5.4.6  Wächst die Bedeutung der räumlichen Nähe zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen? ........................................................................................ 43  5.4.7  Wächst die Bedeutung von Standorten mit besonderer Ausrichtung? .......................... 45  5.4.8  Gewinnen innerstädtische bzw. urbane Räume als Standorte an Bedeutung? ............. 45  5.4.9  Gewinnen Standorte an Verkehrsachsen und -knotenpunkten außerhalb urbaner Zentren an Bedeutung? ............................................................................................ 46  6.  F a z i t ............................................................................................................................... 47  Quellen/Literatur ........................................................................................................................ 49  5 Vorwort Die Auseinandersetzung mit Rolle und Bedeutung von Standortfaktoren für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten und Regionen hat eine lange Tradition. Für die Agrar- und Forstwirtschaft entwickelte der Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler Johann Heinrich von Thünen bereits 1826 seine Theorien zur Standort- und Raumstruktur der land- und forstwirtschaftlichen Produktion. Der Nationalökonom und Soziologe Alfred Weber veröffentlichte 1909 mit der „Theorie des reinen Standorts“ ein Modell der räumlichen Verteilung von Industriebetrieben. Transport- und Arbeits- kosten, Bodenpreise sowie bestimmte Agglomerationswirkungen waren die in Modelle aufge- nommenen Standortfaktoren. Seit der frühen theoretischen Befassung mit Standortfaktoren – also Eigenschaften des Raumes, die zu einer unterschiedlichen Nachfrage nach Standorten durch die Wirtschaft führen – haben sich die Modelle stark verfeinert und aufgefächert, in jüngerer Zeit etwa im Zuge der von Paul Krugman begründeten Neuen Ökonomischen Geografie. Gleichzeitig wurde versucht, das Phänomen der Raumwirksamkeit von Standortfaktoren durch empirische Untersuchungen zu beschreiben und zu analysieren. Während in den theoretischen Modellen zwangsläufig eine Fokussierung auf einige wenige zentrale Standortfaktoren notwendig war und ist, wurden in den empirischen Studien die als relevant erachteten Standortfaktoren immer weiter ausdifferenziert und in langen Listen neben- einander gestellt. Jene, die sich beruflich mit der Fragestellung auseinandersetzen – etwa die Wirtschaftsförderer der Städte und Regionen –, stehen in der Folge vor einer kaum noch überschaubaren Fülle von Kon- zepten, Studien oder Rankings, die ihnen die Orientierung im Thema nicht leichter machen – dies vor dem Hintergrund von kontinuierlichem wirtschaftlichem Strukturwandel, von Innovationszyk- len und Globalisierungsprozessen, durch die neue Wirtschaftsbereiche und Ressourcen an Bedeu- tung gewinnen und frühere Gewissheiten über Standortstärken und -schwächen in Frage gestellt werden. Das Difu hat 1995 mit seiner Studie über die weichen Standortfaktoren durch umfangreiche empi- rische Erhebungen zumindest zu einem Teilaspekt des Themas gesicherte Erkenntnisse beigesteu- ert. Ähnlich grundlegende, breit angelegte, belastbare und vor allem vergleichbare Untersuchun- gen gibt es bis heute kaum. Aus diesem Grund nutzen wir die Möglichkeit, durch die auszugswei- se Veröffentlichung einer Studie von Josiane Meier den Stand der aktuellen Diskussion abzubilden. Die Arbeit ist am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin in Verbindung mit einem Projekt des Difu aus jüngerer Zeit („Stadtentwicklungskonzepte für Gewer- beflächen“) entstanden. Josiane Meier hat eine Vielzahl von Studien gesichtet und – soweit möglich auch vergleichend – bewertet. Damit gelingt es der Autorin, das Spektrum von Standortfaktoren aufzuzeigen und Mög- lichkeiten zu ihrer Typisierung zu ermitteln. Aktuelle Fragen, die sich den Akteuren vor Ort in ähn- licher Art und Weise stellen, werden aufgegriffen, etwa die Bedeutung von Arbeitsmärkten für Hochqualifizierte im Zuge wachsenden Fachkräftemangels, der (mögliche) Bedeutungsgewinn in- nerstädtischer bzw. urbaner Räume als Standorte für die Kreativwirtschaft oder die Spezialisierung von Standorten als „Anker“ für „Cluster“ und Kompetenzbündelungen. Ein Verdienst der Arbeit ist es auch, dass nicht immer einfache Antworten gegeben werden, wie dies leider allzu häufig durch „rekursive Selbstbestätigung“ der Fachöffentlichkeit geschieht; wo notwendig, werden auch Zwei- fel am empirischen Beleg vielfach kolportierter Sachverhalte geäußert. Dr. rer. pol. Busso Grabow Bereichsleiter „Wirtschaft und Finanzen“, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH, Berlin 7 1. Einleitung 1.1 Kontext und Aktualität des Themas Die unternehmerische Standortwahl in all ihren Facetten, zu denen Neuerrichtungen ebenso ge- hören wie Erweiterungen, Rückbau, Verlagerungen und Schließungen, hat erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Städten und Regionen. Dieser Einfluss manifestiert sich in zahlreichen Di- mensionen: Dazu gehören sozioökonomische Auswirkungen – von Einflüssen auf Beschäftigungs- und Bevölkerungsentwicklung bis hin zu Steuereinnahmen und Bodenpreisentwicklung – ebenso wie baulich-räumliche Effekte – von Konsequenzen für Flächennutzung und Infrastruktur bis hin zu Einflüssen auf die Siedlungsentwicklung und das Stadtbild – und nicht zuletzt auch Auswirkun- gen auf Innovationspotenziale sowie das Selbstverständnis und Image einer Stadt oder Region. Vor dem Hintergrund derart vielschichtiger und weit reichender Einflüsse der unternehmerischen Standortwahl und angesichts der kommunalen und regionalen Standortkonkurrenz sind der Bedarf an wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und das Interesse an (kommunal-)politischer Hand- lungsorientierung groß. Dies wird besonders deutlich an der Vielzahl von Studien und thesenhaft formulierten Überlegungen zur unternehmerischen Standortwahl sowie an der Häufigkeit darauf basierender Argumentationen, etwa im Rahmen kommunaler Entwicklungskonzepte. Die Prozesse der unternehmerischen Standortwahl sind allerdings trotz der bereits 200 Jahre wäh- renden theoretischen Auseinandersetzung sowie zahlreicher empirischer Studien längst nicht ab- schließend geklärt. Hinzu kommt, dass durch fortlaufende, tief greifende und komplexe Verän- derungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – stellvertretend sei an dieser Stelle auf Prozesse der Globalisierung, des wirtschaftlichen Strukturwandels und des demo- grafischen Wandels verwiesen – immer wieder neue Fragen aufgeworfen und veränderte Heraus- forderungen gestellt werden. Als ein Ansatz zur Operationalisierung von Prozessen der Standortwahl spielen Standortfaktoren sowohl in der theoretischen Auseinandersetzung mit der unternehmerischen Standortwahl als auch in deren empirischer Erforschung und darauf basierenden Handlungsansätzen und Argumen- tationen eine prominente Rolle. So entstanden in den letzten Jahren zahlreiche Studien zur unter- nehmerischen Standortwahl, in denen Standortfaktoren den zentralen Untersuchungsgegenstand oder einen von mehreren Untersuchungsgegenständen darstellen. 1.2 Fragestellungen und Fokus Die Analyse aktueller Ergebnisse der Standortfaktoren-Forschung vor dem Hintergrund wirt- schaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen steht im Mittelpunkt dieser Publikation1. Die An- regung zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist im Zuge der Mitarbeit an zwei Projekten des Deutschen Instituts für Urbanistik entstanden: Sowohl im Rahmen des REFINA-Projekts „Akti- vierung von Gewerbeflächenpotenzialen durch E-Government“ als auch der Erarbeitung eines „Stadtentwicklungskonzepts Gewerbe“ für die Stadt Potsdam spielten grundlegende Fragen zur un- ternehmerischen Standortwahl immer wieder eine maßgebliche Rolle. So geht es auch im Folgen- den nicht zuletzt um die Frage, inwiefern auf Basis einer Betrachtung von Studien der letzten Jahre Erkenntnisse bezüglich der Bedeutungsentwicklung von Standortfaktoren im Allgemeinen und für verschiedene Branchen und Unternehmenstypen im Besonderen gewonnen werden können. 1 Diese Ausarbeitung basiert auf einer breiter gefassten Untersuchung von Theorien zur unternehmerischen Standortwahl und aktueller Ergebnisse der Standortfaktoren-Forschung. Die vollumfängliche Untersuchung mit zahlreichen Tabellen erscheint im Frühjahr 2011 in der Grauen Reihe des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universi- tät Berlin (vgl. www.isr.tu-berlin.de). 8 Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Standortfaktoren kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland sowie den Standortfaktoren, die für die unternehmerische Standortwahl auf lokaler bis regionaler, d.h. auf kleinräumiger Ebene eine Rolle spielen2. Nicht im Detail betrachtet werden Auseinandersetzungen, die sich schwerpunktmäßig oder ausschließlich mit der überregionalen bis internationalen Standortwahl und den dafür maßgeblichen Standortfaktoren von großen – häufig multinationalen – (Mehrbetriebs-)Unternehmen beschäftigen. 1.3 Methodik und Aufbau Die Inhalte dieser Veröffentlichung basieren im Wesentlichen auf einer breiten Literaturrecherche. Herangezogen wurden dazu in erster Linie Veröffentlichungen der letzten fünfzehn Jahre, in denen Standortfaktoren direkt oder indirekt thematisiert werden. Kernstücke der Auseinandersetzung sind die Kontextualisierung, Untersuchung und Bewertung von empirischen Studien zu Standortfaktoren und die ergänzende Betrachtung von Forschungs- arbeiten zu Standorttypen im Sinne einer systematischen Übersicht. Zu diesem Zweck wurden die zentralen Ergebnisse der betrachteten Studien um die wesentlichen Rahmendaten der jeweiligen Untersuchung ergänzt und in tabellarischer Form im Überblick dargestellt. Die untersuchten Stu- dien3 wurden kritisch im Hinblick auf Aussagekraft, Bandbreite und Vergleichbarkeit analysiert, und ihre empirischen Ergebnisse wurden in der Fachliteratur formulierten Zukunftserwartungen gegenübergestellt. Im Anschluss an diese Einleitung werden zunächst Definitionen und Unterscheidungs- möglichkeiten von Standortfaktoren thematisiert. Daraufhin wird der Blick den Unternehmen zu- gewandt, um Einblicke in den Prozess der unternehmerischen Standortentscheidungen und damit in die Bedeutung und Rolle von Standortfaktoren im Zuge der Standortwahl zu gewinnen. Ein Um- riss wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungsprozesse setzt den Rahmen für die an- schließende eingehende Auseinandersetzung mit Forschungsansätzen und -ergebnissen von Standortfaktoren-Studien und – mit ergänzendem Charakter und daher exemplarischer – Standort- typen-Studien der letzten Jahre. In einem Fazit werden schließlich einige zentrale Erkenntnisse der Untersuchung zusammengefasst. 2 Beide Fokussierungen erlauben jedoch nur eine ungefähre Abgrenzung: Dies liegt an sehr uneinheitlichen Ansatzpunk- ten und Differenzierungen in den betrachteten Studien und – in Bezug auf die räumliche Betrachtungsebene – an man- gelnden allgemeingültigen Definitionen. 3 Aufgenommen wurden die Ergebnisse von insgesamt 31 Studien. Aufgrund z.T. mangelnder Hintergrundinformationen und damit eingeschränkter Einschätzungsmöglichkeiten bzw. angesichts abweichender Bezugsrahmen wurde davon eine Auswahl von 25 Studien in die nähere Betrachtung und Ergebnisformulierung einbezogen. 9 2. Standortfaktoren Bevor eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand der Forschung erfolgen kann, gilt es, einige grundlegende Fragen zu beantworten. Sie richten sich zunächst auf die Standortfaktoren selbst, also darauf, was Standortfaktoren sind, wie sie gruppiert werden können und welchen Ver- änderungsdynamiken sie unterliegen. 2.1 Definitionen von Standortfaktoren Eingeführt wurde der Begriff des Standortfaktors Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Standort- theoretiker Alfred Weber. Er bezeichnete einen Standortfaktor als „... einen seiner Art nach scharf abgegrenzten Vorteil, der für eine wirtschaftliche Tätigkeit dann eintritt, wenn sie sich an einem bestimmten Ort, oder auch generell an Plätzen bestimmter Art vollzieht. Ein ‚Vorteil‘, d.h. eine Er- sparnis an ‚Kosten‘ und also für die Standortslehre der Industrie eine Möglichkeit, dort ein be- stimmtes Produkt mit weniger Kostenaufwand als an anderen Plätzen herzustellen; noch genauer gesagt: den als Ganzes betrachteten Produktions- und Absatzprozeß eines bestimmten industriel- len Produkts nach irgendeiner Richtung billiger durchzuführen als anderswo.“ (Weber 1922: 16) Eine jüngere und branchenunabhängige Definition findet sich bei Schöler: „Die Gründe für oder gegen einen Standort werden als Standortfaktoren bezeichnet, wobei es in der Logik des Begriffs Standortfaktor liegt, dass diese Phänomene nicht überall im Raum in gleicher Weise in Erschei- nung treten, sondern raumdifferenzierende Eigenschaften haben. Standortfaktoren variieren also im Raum hinsichtlich ihrer Qualität und Existenz.“ (Schöler 2004: 1109) Allgemein gefasst werden in dieser Auseinandersetzung solche Größen als Standortfaktoren be- zeichnet, die einen Raum – oder anders formuliert: einen potenziellen Standort – von anderen un- terscheiden und damit die Standortwahl von Unternehmen beeinflussen können. 2.2 Unterscheidungsmöglichkeiten von Standortfaktoren Aus den vorgestellten Definitionen wird deutlich: Standortfaktoren zeichnen sich weder durch ei- ne klare Bestimmtheit noch durch eine besondere Übersichtlichkeit aus. Im Gegenteil: So gut wie jede der unzähligen raumdifferenzierenden Eigenschaften kann für ein Unternehmen zu einem be- stimmten Zeitpunkt ein Standortfaktor sein – was aber nicht bedeutet, dass dies auch für andere Unternehmen oder zu anderer Zeit gilt. Und auch wenn ein Standortfaktor für viele Unternehmen bedeutend ist, können sich der Grad und die Art der Bedeutung von einem Unternehmen zum nächsten erheblich unterscheiden. Es bestehen verschiedene Ansätze zur Sortierung oder Gruppierung, die dazu dienen, diese „schil- lernde“ Masse an Standortfaktoren handhabbarer zu machen (vgl. Übersicht 1). Sie wurden im Zu- ge der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Standortfaktoren entwickelt und orientieren sich jeweils an bestimmten Unterscheidungskriterien, die überwiegend im Verhältnis zu den be- treffenden Unternehmen stehen. Allerdings bleiben die Ansätze zur Sortierung und Differenzie- rung eher allgemeiner Natur und erlauben weder trennscharfe noch allgemeingültige Unterschei- dungen. 10 Übersicht 1: Unterscheidungsvarianten und -kriterien für Standortfaktoren Unterscheidungskriterium Unterscheidungsmöglichkeiten Bedeutsamkeit für viele/wenige Unterneh- men Generelle Standortfaktoren Spezielle Standortfaktoren Messbarkeit und/oder Ausmaß der direkten Auswirkungen auf den Betrieb Harte Standortfaktoren Weiche Standortfaktoren Erforderlichkeit für das einzelne Unterneh- men Muss-Kriterien Wunsch-Kriterien Vor- oder Nachteile für das einzelne Unter- nehmen Push-Faktoren Pull-Faktoren Radius der Standortsuche Räumliche Betrachtungsebenen Quelle: Eigene Darstellung. Generelle und spezielle Standortfaktoren Bereits Weber unterscheidet zwischen generellen und speziellen Standortfaktoren (Weber 1922: 18, 35). Das zentrale Unterscheidungskriterium ist hier die Anzahl der Unternehmen, für die ein bestimmter Standortfaktor von Bedeutung ist. Standortfaktoren, die für (fast) alle Unternehmen (ggf. eines bestimmten Raumes) bedeutend sind, gelten als generelle oder allgemeine Standortfaktoren, während solche, die nur für bestimmte Unternehmen, Branchen o.Ä. relevant sind, als spezielle Standortfaktoren eingestuft werden. Als Beispiel für einen generellen Standortfaktor kann der kommunale Steuerhebesatz genannt werden (dieser bezieht sich auf alle Unternehmen der Kom- mune), als Beispiel für einen speziellen das Vorhandensein eines Binnenhafens (dieser ist vielleicht nur für die Schwerindustrie von Bedeutung; vgl. Schöler 2004: 1109). Harte und weiche Standortfaktoren Eine weitere Differenzierung kann zwischen harten und weichen Standortfaktoren vorgenommen werden – auch hier findet sich ein ähnlicher Ansatz bereits bei Weber, der eine Unterscheidung zwischen „natürlich-technischen“ und „gesellschaftlich-kulturellen“ Standortfaktoren diskutiert (vgl. Weber 1922: 20). Die zentralen Kriterien sind in diesem Fall nach Grabow u.a. (1995: 64) die Messbarkeit der Standortfaktoren (bei weichen Standortfaktoren eher schwierig) und/oder das Ausmaß der direkten Auswirkungen auf die Betriebs- oder Unternehmenstätigkeit (bei weichen eher gering ausgeprägt) – anhand dieser können weiche wie harte Faktoren in einem Kontinuum angeordnet werden. Abbildung 1 illustriert diesen Unterscheidungsansatz und bietet eine Anzahl Beispielfaktoren. Darüber hinaus können zwei Arten weicher Standortfaktoren unterschieden werden, nämlich wei- che unternehmensbezogene Faktoren und weiche personenbezogene Faktoren. Während sich Ers- tere durch ihre unmittelbare Wirksamkeit für die Unternehmens- oder Betriebstätigkeit auszeich- nen (z.B. die Arbeitnehmermentalität), gehören zu Letzteren vor allem persönliche Präferenzen von Entscheidern und Beschäftigten eines Unternehmens, also „subjektive Einschätzungen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen am Standort“ (z.B. das Bildungsangebot; vgl. Grabow u.a. 1995: 67). Abbild Quelle Muss Eine (Schm einze und s Nach geben ners gen w als au men w Stand Grabo unter chen ausre 4 Au gez „M Au ung 1: Kontin e: Grabow u.a s- und Wunsc dritte Unters menner 1982 elne Unterneh solchen, die h diesem Vers nd, welcher Unterscheidu werden als u uch „allgeme wichtigsten F dorte anhand ow u.a. kann nehmerische in ausreiche eichend quali uf Basis dieser U zogen: In einem Muss-Kriterien“ e uswahl zu treffen uum der harten a. (1995: 65). ch-Kriterien scheidungsm 2 zit. bei Ma hmen zwinge für das Unt ständnis sind Kategorie ein ung nach Sta unternehmen eine Suchprin Faktoren dars von Standor n allerdings e e Standortwah ender Größe fizierte Arbe Unterscheidung m schrittweisen erfüllen, um da n (vgl. Maier/Töd n und weichen S möglichkeit b aier/Tödtling end erfüllt se ternehmen z d also die Bed n Standortfak andortanforde sspezifische nzipien“ umf stellen. Erst w tfaktoren gen eine Reihe un hl bedeutend und zu akzep itskräfte und werden theoret n bzw. hierarch raufhin aus den dtling 2006: 32) Standortfaktoren besteht zwisc 2006: 32). S ein müssen, zwar attraktiv dürfnisse des ktor zuzuordn erungen und Suchkriterie fassen könne wenn diese A nauer in Betra nabdingbare d ist. Dazu zä ptablen Preis Kapital“ (Gra tische Rückschlü hischen Vorgeh n potenziellen S ). n chen Muss-K Sie differenzi damit ein Sta v, aber nicht s einzelnen U nen ist. In ei d Standortfakt n verstanden en und eine A Anforderunge acht gezogen er Faktoren id ählen „... Bod sen, sowie Ar abow u.a. 19 üsse auf das Sta en würden zun Standorten eine Kriterien und ert nach Fak andort in Fra t unbedingt Unternehmen ne ähnliche ktoren: Die St n, die sowoh Auswahl der en erfüllt sind n (vgl. Runer dentifiziert we den, also Gru rbeit, das hei 995: 73). ndortwahlverha nächst Standorte auf den Wunsc Wunsch-Kr ktoren, die f age kommen erforderlich ns dafür auss Richtung ge tandortanford hl Standortfa für das Unte d, werden ko 1999: 48 f.). erden, die fü undstücke un ißt heute vor alten von Untern e gesucht, welc ch-Kriterien bas 11 iterien ür das kann, sind4. chlag- ht Ru- derun- ktoren erneh- nkrete Nach ür jede nd Flä- allem nehmen che die sierende 12 Push- und Pull-Faktoren Dass Standortfaktoren nicht nur „anziehend“, sondern auch „abstoßend“ wirken können, kommt in einer Differenzierung nach Push- und Pull-Faktoren zum Ausdruck. Welcher Gruppe ein be- stimmter Faktor zugeordnet werden kann, ist in hohem Masse kontextabhängig: Faktoren, die ei- nen Standort zu einem Zeitpunkt für ein Unternehmen besonders attraktiv machen, können für ein anderes Unternehmen in die entgegengesetzte Richtung wirken – so z.B. das bestimmte Angebot an Arbeitskräften oder die Art der Verkehrsanbindung. Auch die Intensität, mit der ein Faktor an- ziehend oder abstoßend wirkt, hängt vom einzelnen Unternehmen und seiner bestimmten Situati- on ab. Zusammengenommen sind Push- und Pull-Faktoren häufig Gründe für Standortüberlegun- gen; dabei kann der Vergleich verschiedener Standorte mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen für das Unternehmen eine bedeutende Rolle für die Standortentscheidung spielen (vgl. Grabow u.a. 1995: 134, 216). Die räumliche Betrachtungsebene Schließlich können Standortfaktoren in Bezug auf die räumliche Betrachtungsebene differenziert werden. Ausschlaggebend für diese Differenzierung sind die Frage nach der räumlichen Ebene, auf der ein Unternehmen einen Standort sucht bzw. die Standortsuche beginnt, sowie die daraus ab- zuleitende potenzielle Relevanz von Standortfaktoren. So können für ein Unternehmen, das eine internationale Standortsuche vornimmt, durchaus national einheitliche Größen wie etwa das Rechtssystem bedeutende Standortfaktoren sein, während diese für ein Unternehmen, das aus- schließlich innerhalb eines Landes sucht, keine Rolle spielen – dafür können aber regionale, lokale und/oder quartiersbezogene Unterschiede im Vordergrund stehen (vgl. Schöler 2004: 1109 f.). Dabei kann der gleiche Standortfaktor, auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen betrachtet, einen unterschiedlichen Bedeutungsgehalt haben – im Falle des Verkehrsanschlusses z.B. der Ausbau- grad des Verkehrsnetzes auf großräumiger, die Straßenbahnhaltestelle auf kleinräumiger Ebene. 2.3 Zeitliche Dynamik von Standortfaktoren Werden Standortfaktoren vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ent- wicklung im Laufe der Zeit betrachtet, so gewinnt das Bild weitere Dimensionen (vgl. zum Fol- genden Grabow u.a. 1995: 73, 80–82 und Maier/Tödtling 2006: 39 f.). Einige Faktoren, die bereits im 19. Jahrhundert als bedeutende Standortfaktoren identifiziert wur- den, haben sich seither stark verändert. So bezogen sich die Transportkosten anfänglich noch auf den unmotorisierten Transport von Gütern, später auf den Eisenbahntransport, dann zunehmend auf die Verfrachtung per Lkw, Containerschiff und Flugzeug. An diesem Beispiel können sowohl Veränderungen als auch Schwankungen in der Bedeutsamkeit eines Standortfaktors illustriert wer- den: Während die Transportkosten über lange Zeit im Verhältnis zu den übrigen Kosten erheblich waren und entsprechend als ein besonders bedeutender Standortfaktor ermittelt wurden, relativier- ten sich die mit dem Transport verbundenen Kosten zunächst erheblich, um in jüngerer Zeit wie- der etwas zuzunehmen5. Generell kann festgestellt werden, dass solche Bedeutungsschwankungen oder -zyklen einzelner Faktoren vor allem von ihrer Differenzierungswirkung auf Standorte abhän- gen: Während die flächendeckende Verfügbarkeit eines Standortfaktors dessen relative Bedeutung eher sinken lässt, steigt diese wieder, wenn dessen räumliche Differenzierung zunimmt. 5 Zu den Gründen für die erhebliche Relativierung gehören der Ausbau infrastruktureller Netze, der technische Fort- schritt sowie die Verfügbarkeit großer Mengen preisgünstiger fossiler Brennstoffe; zu den Gründen für die neuerliche Bedeutungszunahme zählen die Einführung von Mautgebühren, der Preisanstieg fossiler Brennstoffe sowie gestiegene Transportrisiken. 13 Viele Standortfaktoren haben sich zudem im Laufe der Zeit ausgefächert und sind kleinteiliger ge- worden. Dies gilt sowohl in Bezug auf ihre Bedeutung für Unternehmen – sie haben sich in vieler- lei Hinsicht ebenfalls zunehmend ausdifferenziert6 –, als auch in Bezug auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Standortfaktoren. Während beispielsweise für den Faktor Arbeit im 19. Jahrhundert vornehmlich Industriearbeiter ohne Qualifikation bedeutend waren, spielen heute das Qualifikationsniveau und die Art der Qualifikation eine zentrale Rolle. Darüber hinaus sind unter anderem im Zuge der Veränderung von Produktionsweisen, techni- schen Innovationen, der Globalisierung sowie veränderten Werten, Haltungen und Lebensstilen auch weitere, neue Standortfaktoren hinzugekommen. Als Beispiele können etwa die Verfügbar- keit sicherer und leistungsfähiger Datenanbindungen, die Nähe zu einem Großflughafen, aber auch das Vorhandensein von Kindertagesstätten genannt werden. Nicht zuletzt ist darauf hinzuweisen, dass mit einem Unternehmen nicht unbedingt ein festes Set an prioritären Standortfaktoren verbunden ist: In unterschiedlichen Phasen des Lebenszyklus eines Unternehmens können unterschiedliche Standortfaktoren von größerer oder kleinerer Bedeutung sein – und unterschiedliche Teile eines Unternehmens müssen keineswegs immer dieselben Priori- täten haben. 6 Dies im Sinne einer Veränderung und zunehmenden Ausdifferenzierung von Branchenstrukturen, Arbeitsweisen, Un- ternehmensgrößen und Organisationsformen im Rahmen des sektoralen und funktionalen Strukturwandels. 15 3. Unternehmerische Standortentscheidungen Um die Bedeutung und Wirkung einzelner Standortfaktoren für die Standortentscheidungen von Unternehmen einschätzen zu können, ist eine rein abstrakte Betrachtung kaum ausreichend: Standortentscheidungen fallen weder ad hoc noch quasi-mathematisch anhand einer fest definier- ten Liste vorgegebener Standortkriterien, sondern im Laufe eines unternehmerischen Entschei- dungsprozesses. Dies insbesondere deshalb, weil Standortentscheidungen alles andere als trivial sind. Sie bedeuten in der Regel eine längerfristige räumliche Bindung des Unternehmens und von (finanziellen) Ressourcen und sind dabei mit zahlreichen Unsicherheiten behaftet (vgl. Maier/Tödtling 2006: 22 f.; Grabow u.a. 1995: 136). Ausgehend von einer Kategorisierung unterschiedlicher Arten von Standortentscheidungen sollen daher mit dem folgenden Überblick einige Aspekte von Standortentscheidungsprozessen mit be- sonderem Augenmerk auf kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland kurz beleuchtet wer- den7. 3.1 Arten von Standortentscheidungen Das Spektrum standortrelevanter Entscheidungen umfasst weit mehr als Verlagerungen oder die Er- richtung neuer Produktionsstandorte – auch wenn diesen ein Großteil der medialen und politi- schen Aufmerksamkeit zukommt. In grobe Kategorien gegliedert können folgende Arten von Standortentscheidungen unterschieden werden, die jeweils in Zusammenhang mit Entwicklungen im „Lebenslauf“ eines Unternehmens stehen (vgl. Grabow u.a. 1995: 143, 153 f.):  Neuerrichtung (z.B. infolge einer Existenzgründung oder der Eröffnung eines weiteren Stand- orts),  Verlagerung (z.B. aufgrund von betrieblichen Veränderungen innerhalb eines Unternehmens oder Veränderungen der Marktsituation),  Standortausdehnung (z.B. aufgrund einer Erweiterung eines Unternehmens),  Standortschrumpfung (z.B. aufgrund der Verkleinerung eines Unternehmens) und  Standortschließung (z.B. aufgrund Veränderungen innerhalb eines Unternehmens oder Schrumpfung). Hinzu kommt die in der Literatur in der Regel völlig unbeachtete, aber in zahlreichen Zusammen- hängen der Unternehmensentwicklung mögliche  Bleibeentscheidung. Es handelt sich dabei um „... bewusste Neuentscheidungen für einen gegebenen Standort, nach- dem alternative Standorte geprüft wurden ... also um potentielle Verlagerungen oder ‚virtuelle‘ Standortverlagerungen; Bleibeentscheidungen sind damit etwas eindeutig anderes als die übliche betriebliche Standortpersistenz“ (Grabow u.a. 1995: 154). 7 Eine Schwierigkeit liegt hierbei in der eher geringen verfügbaren Materialbasis zum unternehmerischen Verhalten in (Standort-)Entscheidungsprozessen (vgl. Runer 1999: 47; Grabow u.a. 1995: 133) – aus diesem Grunde basiert dieser Abschnitt in großen Teilen – wenn auch nicht ausschließlich – auf der Abhandlung in Grabow u.a. (1995). 16 Abbil 1993 schie hinau Art de terneh situat Abbild Quelle Im Ra nehm zen ( 50 km der R ansie nachb bindu ders d cher davon eine S 8 Fü ter 19 9 Be ch ldung 2 basie 8 und bietet dlicher Arten us zeigen sic er Standortbe hmen häufig tionen reagie ung 2: Anteile e: Grabow u.a ahmen der g men erhoben. (Distanzen u m) stattfanden Region Aach dlungen um barten Komm ung dürfte be deutlich ausg Natur (insbes n ausgegange Standortsuch r detaillierte An rnehmenstypen 993. efragt wurden 71 enspektrum für ert auf den E t für den Zei n von Stando h auf die Un ewegung: Im g nur mit ein ren (vgl. Gra e verschiedener a. (1995: 160). genannten St Es zeigte sic nter 20 km) n (vgl. Grabo hen9, in de Standortver munen hande ei kleinen U geprägt sein: sondere wen en werden, d e und weiträ gaben zu dieser mit einbezogen 1 Unternehmen die Region reprä rgebnissen e itpunkt der U ortbewegung nternehmensg Kontrast zu ner Standortv bow u.a. 199 r Arten von Stan tudie wurden ch, dass über und fast dre ow u.a. 1995 r es sich b rlagerungen a elte (vgl. Jans nternehmen Neben einer n die gleiche dass kleinen äumige Stand r bundesweit du wurde, siehe G der Region Aa äsentativ war (vg einer breit an Untersuchun gen an den S größe bezog großen und verlagerung o 95: 143). ndortbewegunge n unter ande r die Hälfte a ei Viertel inn 5: 165). In ei bei ca. 55 aus anderen sen 2001: 40 mit wenigen r starken Ver e Person das Betrieben in ortverlagerun rchgeführten Stu Grabow u.a. (19 achen, deren Zu gl. Jansen 2001) gelegten emp g einen Übe Standortentsc gen deutliche mittleren Un oder einer St en an Standorte erem die Ver aller Verlager nerhalb derse ne ähnliche Prozent der Ortsteilen d 0). Diese aus n Mitarbeiter rwurzelung b Unternehme der Regel de ng zur Verfüg udie, in der ein b 995). Befragt wu usammensetzung ). pirischen Stu erblick über heidungen in e Unterschied nternehmen k tandortschlie entscheidungen rlagerungsdis ungen innerh elben Region Richtung we betrachtete derselben Ko sgeprägte Or innen und M betrieblicher w en leitet und eutlich wenig gung stehen. breites Spektrum urden ca. 2.000 g hinsichtlich Be udie aus dem die Anteile nsgesamt. Da de hinsichtlic können klein ßung auf En n stanzen der halb der Stad n (Distanzen eist eine Stud en Unterneh ommune ode rts- bzw. Reg Mitarbeitern b wie auch pe besitzt) kann ger Ressourc m unterschiedlic 0 Unternehmen etriebsgröße un m Jahre unter- arüber ch der ne Un- gpass- Unter- dtgren- unter die aus mens- er be- gional- beson- rsönli- n auch cen für her Un- im Jahr d Bran- 17 Darüber hinaus kann je nach Art der Standortentscheidung unterschiedlichen Arten von Standort- faktoren eine unterschiedlich große Bedeutung zukommen. In Bezug auf harte und weiche Stand- ortfaktoren stellen Grabow u.a. fest, dass Letztere gerade „... bei Entscheidungen ‚am Standort‘ (Ausbau, Schrumpfung, Bleibeentscheidung) eine überdurchschnittlich wichtige Rolle“ spielen (Grabow u.a. 1995: 21). 3.2 Gründe für Standortentscheidungen Nicht nur ein Großteil der Arten von Standortentscheidungen, sondern auch von deren Gründen oder Auslösern ist ortsbezogen, das heißt, „... spezifische Vor- oder Nachteile der jeweiligen Standorte in Städten, Kreisen oder Gemeinden sind in der Regel ausschlaggebend für Standortbe- wegungen“ (Grabow u.a. 1995: 18). Insbesondere der Wunsch oder die Notwendigkeit einer Ver- lagerung wird „... i.d.R. durch konkrete Probleme am alten Standort ausgelöst. Meist handelt es sich dabei um räumliche Enge, Expansionspläne oder Probleme mit empfindlichen Nachbarnut- zungen; aber auch auslaufende Miet- und Pachtverträge auf Grund einer Umnutzungsabsicht der Grundstückseigentümer können die Nachfrage auslösen“ (Mielke 2002: 38 f.). Bei bestehenden Unternehmen können die Gründe für den Bedarf einer Standortentscheidung größtenteils einer von drei Gruppen zugeordnet werden (vgl. Grabow u.a. 1995: 134 f.):  Kapazitätsbedarf aufgrund von Unternehmenswachstum ist das „wohl am häufigsten anzutref- fende Motiv“ (ebenda: 134). In der Regel wird primär versucht, vorhandene Standorte zu er- weitern bzw. intensiver zu nutzen.  Kapazitätsüberschüsse aufgrund von Auslastungsdefiziten werden nur selten über die räumli- che Veränderung hin zu einem kleineren Standort gelöst. Stattdessen wird eher versucht, durch Veränderungen in der betrieblichen Ausrichtung (und bei größeren Unternehmen ggf. durch Stilllegung von Zweigbetrieben) besser der Nachfrage zu entsprechen.  Standortunzulänglichkeiten können im Sinne von Push-Faktoren ein Unternehmen dazu bewe- gen, seinen Standort zu verlassen; Beispiele sind Flächenengpässe, eine mangelhafte Verkehrs- anbindung oder zu hohe Standortkosten. Gleichzeitig können komparative Standortvorteile an- derer Standorte als Pull-Faktoren wirken; Beispiele sind ein ausreichendes Flächenangebot, ei- ne gute Verkehrsanbindung oder ein Arbeitsmarkt mit einer hohen Konzentration gesuchter Qualifikationen. Wie aus den Beispielen deutlich wird, kann ein Faktor – je nach Unterneh- mensausrichtung und Ausprägung im Vergleich zu anderen potenziellen Standorten – durchaus in beide Richtungen, als Push- oder als Pull-Faktor, wirken. Die in diese drei Kategorien unterteilten Gründe treten allerdings nicht zwingend nur einzeln auf. Gerade Kapazitätsengpässe sind häufig lediglich konkreter Auslöser für standortbezogenes Han- deln, das dann als Gelegenheit dient, weitere – oft standortbezogene – Probleme zu lösen (vgl. Grabow u.a. 1995: 135). 3.3 Phasen von Standortentscheidungsprozessen Der eigentliche Prozess der Standortentscheidung läuft nach Grabow u.a. (1995: 135 f.) in den meisten Fällen in drei Phasen ab:  „Jeder Standortentscheidung geht eine – oder eine Kombination – der oben genannten drei Konstellationen (Kapazitätsdefizite, Kapazitätsüberschüsse, Standortunzulänglichkeiten) voraus, welche die Standortsuche auslösen. 18  Die konkrete Standortsuche umfasst die Festlegung von Auswahlkriterien, die Auswahl und die Bewertung potentieller Makrostandorte sowie – anschließend oder auch parallel – der Festle- gung von Mikrostandorten ... .  Die Ergebnisse des Suchvorgangs werden den Entscheidungsträgern in Form verschiedener Al- ternativen vorgelegt, die Entscheidung wird getroffen.“ Je nach Unternehmen können diese Phasen unterschiedlich stark aufgegliedert und als getrennte Schritte erkennbar sein: „Bei kleinen und mittleren Unternehmen ist der Prozess weit weniger for- malisiert und in seinen Phasen weniger identifizierbar als bei großen, wo in der Regel für Fragen der Standortsuche eigens ein Stab verfügbar ist“ (Grabow u.a. 1995: 136). In den einzelnen Phasen bzw. Schritten eines Standortentscheidungsprozesses kann unter- schiedlichen Standortfaktoren durchaus eine unterschiedlich große Bedeutung beigemessen wer- den. So konnte bezüglich weicher und harter Standortfaktoren im Allgemeinen festgestellt werden, dass Erstere im Rahmen einer Vorauswahl von Standortalternativen „eine vergleichsweise wichtige Rolle“ spielen (hier geht es vor allem um Bilder und Vorstellungen von Orten). Im Zuge der Analy- se und des Vergleichs potenzieller Standorte sind hingegen harte Standortfaktoren bedeutender, während bei der eigentlichen Entscheidungsfällung weiche Faktoren wiederum „etwas stärker ins Gewicht fallen“ können (Grabow u.a. 1995: 150). 3.4 Verfahren in Standortentscheidungsprozessen Im Prozess der Entscheidung für einen Standort „... spielen die Ermittlung und Bewertung, die Ein- schätzung und die Gewichtung der relevanten Standortfaktoren, von denen eine Entscheidung ab- hängig gemacht wird, eine zentrale Rolle“ (Grabow u.a. 1995: 136). Zu diesem Zweck besteht ei- ne Anzahl systematischer Verfahren zur Optimierung der Standortentscheidung. Solche werden – wenn überhaupt – in erster Linie von großen Mehrstandortunternehmen verwendet (vgl. Grabow u.a. 1995: 136 f., 139), sodass wenig formalisierte Vorgehensweisen eher den Regelfall darstellen. Die Anwendung solcher vereinfachter Verfahren, Routinen, Erfahrungsregeln u.Ä. zur Bewältigung komplexer Entscheidungsprobleme hat heuristischen Charakter, es sind also „... Lösungsmuster, die bewusst nicht nach einer optimalen Lösung suchen, sondern danach trachten, mit vertretbarem Aufwand eine akzeptable Lösung zu finden ...“ (Maier/Tödtling 2006: 26). Eine dieser Heuristiken ist die Konzentration auf besonders wichtige Faktoren: Ein Standort muss bestimmte Bedingungen erfüllen, bevor ggf. weitere Standortfaktoren in Betracht gezogen werden, um schließlich eine Auswahl unter möglichen Standortalternativen vorzunehmen (vgl. Runer 1999: 48; Maier/Tödtling 2006: 26 f.). Solche unternehmensspezifischen Suchkriterien, die zwin- gend erfüllt sein müssen, damit ein Standort in Betracht gezogen wird, können als Standortanfor- derungen definiert werden (vgl. Runer 1999: 48). Aus ihnen können sich bestimmte Suchprinzi- pien (wie etwa die Suche in der Nähe des bisherigen Standorts) ergeben. Dabei kommt es – gerade bei kleineren Unternehmen – durchaus vor, dass keine Alternativen genauer in Betracht gezogen werden10: Sobald ein Standort gefunden wird, der den Standortanforderungen entspricht und so- mit akzeptabel erscheint, wird die Suche beendet. Es findet also eine Suche nach einem zufrieden- stellenden Standort statt (vgl. Maier/Tödtling 2006: 26 f.). 10 Verschiedene empirische Erhebungen zeigen, dass die Zahl der in Betracht gezogenen Alternativen in der Regel sehr überschaubar ist. So zogen z.B. in der Region Aachen nur etwa die Hälfte der befragten Unternehmen andere Standor- te in Erwägung; und gut 40 Prozent prüften überhaupt keine weiteren Standorte (vgl. Jansen 2001: 40); die bundesweite Erhebung von Grabow u.a. ergab, dass nur ca. sieben Prozent der Unternehmen mehr als fünf, etwa 60 Prozent bis zu fünf und ein Drittel der Unternehmen gar keine Standortalternativen prüfte – zu letzterer Option neigten Einbetriebsun- ternehmen in besonderem Maße (vgl. Grabow u.a. 1995: 139). 19 Eine weitere Vorgehensweise besteht in der stufenweisen Standortentscheidung: Hier werden räumliche Ebenen getrennt voneinander und anhand unterschiedlicher Kriterien betrachtet, um ei- ne Vorauswahl für die weitere Suche zu treffen; beispielsweise können auf regionaler Ebene zu- nächst einzelne Gemeinden identifiziert werden, die bestimmte Rahmenbedingungen erfüllen, um daraufhin in diesen Gemeinden konkrete Standorte zu suchen (vgl. Maier/Tödtling 2006: 26). Nicht zuletzt ist auf die Strategie der Nachahmung hinzuweisen, nach der Standorte aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu jenen von erfolgreichen Unternehmen gewählt werden – auch dies ein Ansatz, der besonders mit kleineren Unternehmen in Verbindung gebracht wird (vgl. Maier/Tödtling 2006: 27). Im Vergleich zu bestehenden Unternehmen findet bei Existenzgründern – also im Zuge der Entste- hung eines kleinen Unternehmens – häufig keine explizite Standortwahl in Bezug auf die Gemein- de oder Region statt: Es wird meist „eher jenseits von objektiv optimierenden Kriterien“ dort ge- gründet, wo die „unternehmerischen Wurzeln“ des Gründers liegen und sich in der Regel auch sein bisheriger Lebensmittelpunkt befindet (Grabow u.a. 1995: 141). Dass die Standortwahl damit implizit schon vor der Gründung getroffen wird, stellt Stegh für Gründer in wissensintensiven Tä- tigkeitsbereichen fest: „... die Gründung [steht] häufig am Ende einer Kette von regionalen Stand- ortentscheidungen, die die Gründerpersonen im Laufe ihrer Biographie getroffen haben“ (Stegh 2007: 181). Im Laufe der Entwicklung des Unternehmens gewinnen stärker optimierende Verfah- ren wiederum an Bedeutung (vgl. Grabow u.a. 1995). Einen Hinweis darauf, weshalb eine breiter angelegte Standortsuche häufig gar nicht erst nötig wird und auf entsprechend einfache Vorgehensweisen zurückgegriffen werden kann, bietet die Be- trachtung eines bestimmten Standortfaktors, nämlich der Grundstückspreise für kommunale Ge- werbeflächen. Ihnen kommt eine besondere Rolle zu, da sie im Spannungsfeld der Strategien un- ternehmerischer Standortwahl und der gängigen kommunalen Gewerbeflächenpolitik stehen: Im Gegensatz zu den meisten anderen, durch Wettbewerb bestimmten und für das Unternehmen kaum zu beeinflussenden Kosten einer standörtlichen Veränderung (insbesondere einer Verlage- rung) können die kommunalen Preise für Gewerbeflächen als „weich“ bezeichnet werden (vgl. Bonny 2001: 33). Harte Preisverhandlungen sind für Unternehmen durchaus aussichtsreich, da der Wettbewerb um einen Standort nicht zwischen ihnen herrscht, sondern viel eher zwischen Kom- munen, die um Unternehmen werben. Die daraus resultierenden niedrigen (und oft infolge der Verhandlungen zusätzlich reduzierten) Preise für Gewerbeflächen bringen weder Unterschiede in der Qualität noch in der Attraktivität der Flächen zum Ausdruck. Damit findet sowohl eine Verzer- rung der Bedeutung verschiedener Standortfaktoren statt (in dem Sinne, dass „fast alles billig zu haben“ ist), als auch wird ein Trend zu möglichst niedrigen Aufwendungen in der Flächenentwick- lung vonseiten der Kommunen gesetzt. Die niedrigen Flächenpreise bzw. Nachlässe dürften dabei als Mitnahmeeffekte einzustufen sein (vgl. Bonny 2001: 33; Mielke 2002: 49). 21 4. Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel Wirtschaft und Gesellschaft sind nicht statisch, sondern befinden sich fortlaufend im Wandel. In der historischen Perspektive zeigen sich die Auswirkungen dieser Veränderungen immer wieder in der Standortwahl von Unternehmen. Der sich im Laufe der Zeit abzeichnende Bedeutungsverlust der räumlichen Nähe zu natürlichen Rohstoffen im Zuge des anhaltenden wirtschaftlichen Struk- turwandels ist hierfür ein gutes Beispiel. So ist auch zu erwarten, dass sich gegenwärtige Entwick- lungen und Trends auf die Bedeutung verschiedener Standortfaktoren niederschlagen. Zu den grundlegenden, auf vielfältige Weise miteinander verknüpften und ineinandergreifenden Entwicklungen gehören:  die fortschreitende Globalisierung und europäische Integration, das heißt die zunehmende weltweite und innereuropäische Verflechtung in verschiedener, insbesondere auch ökonomi- scher Hinsicht. Der Abbau von Grenzhemmnissen und Handelsschranken, die grenzüber- schreitende Mobilität von Kapital sowie die Verbreitung moderner Informations- und Kommu- nikationstechnologien tragen dazu bei, einen fortschreitenden Prozess der räumlichen bzw. rechtlichen Arbeitsteilung – etwa durch Auslagerung bestimmter Funktionen – zu ermöglichen. Damit verbunden sind unter anderem eine Zunahme des internationalen Warenverkehrs (vgl. Abb. 3) und ein entsprechend starkes Wachstum in den Bereichen Transport und Logistik11. Weiterhin zu beobachten sind eine Intensivierung des Wettbewerbs- und Innovationsdrucks auf Unternehmen und des Standortwettbewerbs unter Gebietskörperschaften sowie eine stärke- re Spezialisierung, die wiederum eine wachsende Bedeutung flexibler, strategischer Partner- schaften in Industrie und Dienstleistungen zur Folge hat (vgl. Schubert/Klein 2006; Cooke u.a. 2007: 26 f.; Gornig/Ring 2001: 28; Görzig u.a. 2007: 43; Healey/Ilbery 1990: 143; Mielke 2002: 6);  die wachsende Bedeutung von Informations- und Kommunikationstechnologien und die damit einhergehende zunehmende Technisierung und Informatisierung der Arbeitswelt wie auch des Alltags. Technische Entwicklungen gelten als einer der zentralen Treiber des wirtschaftlichen Strukturwandels, indem sie unter anderem die Organisationsmöglichkeiten, Produktions- bedingungen, Kostenstrukturen und die Branchenstruktur beeinflussen (vgl. Böhme u.a. 2006: 17). Darüber hinaus tragen insbesondere die Informations- und Kommunikationstechnologien wesentlich zur Ermöglichung größerer zeitlicher und räumlicher Flexibilität und damit zu einer größeren zeitlichen und räumlichen Ausdehnung bei;  der sektorale Strukturwandel, das heißt die relative Gewichtsverschiebung vom primären (vor allem Landwirtschaft) und sekundären (Produktion) Wirtschaftssektor hin zum tertiären Sektor Dienstleistungen) (siehe z.B. DESTATIS u.a. 2008: 115). Diese Gewichtsverschiebung wird in erster Linie anhand der Entwicklung der Beschäftigtenzahlen nachvollzogen. Wird statt von drei von vier Wirtschaftssektoren ausgegangen – nach diesem Modell umfasst der tertiäre Sek- tor primäre Dienstleistungen (dazu gehören allgemeine Dienste wie Reinigung oder Bewirtung sowie Büro- und Handelstätigkeiten), der quartäre Sektor sekundäre Dienstleistungen bzw. in- formations- und wissensintensive Tätigkeiten (dazu gehören Betreuungs- und Beratungsdienste sowie Tätigkeiten in den Bereichen Organisation/Management und Forschung/Entwicklung, für die meist Hochschulabschlüsse als nötig erachtet werden) – so zeigt sich, dass die relative Zu- nahme an Beschäftigten insbesondere auf den quartären Sektor zurückzuführen ist (vgl. Dostal 2001: 32–35; siehe auch Abb. 4); 11 So nahm allein die Luftfracht zwischen 1986 und 2003 um durchschnittlich acht Prozent jährlich auf ein Volumen von 55.000 Tonnen pro Tag zu (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2006a); auf die Seefracht entfallen gegenwärtig über 90 Prozent des internationalen Warenhandels – ihr Volumen nahm zwischen 1985 und 2004 um knapp sechs Prozent jährlich auf 27.635 Milliarden Tonnen-Meilen zu (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2006b). 22 Abbild Quelle Abbild Quelle  de zie gle etw fü ung 3: Ein As e: Bundeszen ung 4: Entwic e: Dostal (200 er branchens erung von B eichsweise st wa im Beratu nfmal so star spekt der Globa ntrale für politisc cklung der Erwe 01: 33). strukturelle W Branchenstruk tarke Zunahm ungsbereich k an wie im D lisierung: weltw che Bildung (200 erbstätigenanteil Wandel, das kturen innerh me der Besch – genannt w Durchschnitt weite Zunahme d 09). le im Vier-Sekto heißt die V halb der Wir häftigten in u werden: Sie st der Dienstlei der Warenexpor oren-Modell Veränderung, rtschaftssekto unternehmens tieg in der z istungsbranch rte Verlagerung ren. Beispiel sorientierten weiten Hälfte hen (vgl. Gorn g und Ausdif haft kann di Dienstleistun e der 1990e nig/Ring 200 fferen- e ver- ngen – r-Jahre 1: 40); 23  der funktionale Strukturwandel, das heißt die Veränderung und Ausdifferenzierung von Tätig- keitsfeldern – und damit Tätigkeitsarten sowie Berufsbildern – innerhalb der Wirtschafts- sektoren, Branchen und einzelnen Unternehmen. So verwischen sich auch die Grenzen zwi- schen Produktions- und Büroarbeit immer mehr. Ein anhaltender Trend ist etwa die zuneh- mende Technisierung auch in traditionell handwerklichen Berufen, die wiederum veränderte Tätigkeitsarten mit sich bringt (z.B. im Tischlereihandwerk die CAD-basierte Programmierung von und Arbeitsausführung durch computergesteuerte CNC-Fräsen). Innerhalb der Industrie zeigte sich beispielsweise in den letzten Jahren anhand der Beschäftigtenentwicklung eine Ver- lagerung von Tätigkeiten in der Fertigung hin zum Bereich Forschung und Entwicklung (vgl. Gornig/Ring 2001: 46);  die derzeit meist mit den Begriffen Wissensgesellschaft und/oder Kreativwirtschaft assoziierte Zunahme der Bedeutung von Wissen, Information und Kreativität als Ressourcen mit wachsen- der ökonomischer Relevanz und damit wachsendem Einfluss auf die gesellschaftliche Entwick- lung. Damit gewinnen auch die Fähigkeiten, Wissen, Informationen und Ideen zu generieren, zu organisieren, zu verarbeiten und weiterzuentwickeln, an Bedeutung (vgl. Cooke u.a. 2007: 26 f.; Lotter 2009: 8, 17 ff., 117). In diesem Zusammenhang zeichnet sich eine fortschreitende Akademisierung der Arbeitswelt ab, das heißt, der Anteil der Hochqualifizierten (im Sinne ei- nes Hochschulabschlusses) an den Erwerbstätigen nahm in den letzten Jahren deutlich zu (von zwölf Prozent 1991 auf 17 Prozent 2003; vgl. DESTATIS 2004: 59);  der demografische Wandel, das heißt die Entwicklung eines zunehmenden Übergewichts der Sterbe- im Vergleich zur Geburtenrate bei gleichzeitig zunehmender Langlebigkeit, Vielfalt von Lebensentwürfen und Heterogenität der Bevölkerung (vgl. Tivig/Hetze 2007: 4). Auf gesamt- deutscher Ebene zeichnet sich eine zunehmende Alterung der Bevölkerung bereits deutlich ab, die Einwohnerzahl ist seit 2003 – trotz positiver Außenwanderungssalden12 – rückläufig, und weitere Bevölkerungsverluste sind zu erwarten. Heterogener wurde die Bevölkerung nicht zu- letzt infolge der Zuwanderung, die neben den Bevölkerungsverlusten auch die Alterung der Bevölkerung zeitweise etwas abmilderte (vgl. ebenda: 45). Im Gesamtbild resultieren aus dem demografischen Wandel neben einer wachsenden Belastung der Sozialsysteme unter anderem eine zunehmende Heterogenität13 und Alterung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter so- wie ein Rückgang an potenziell verfügbaren Arbeits- bzw. Fachkräften (vgl. Abb. 5; Bundeszentrale für politische Bildung o.J.);  die Binnenwanderung, welche die Effekte des demografischen Wandels auf Ebene einzelner Teilräume verstärkt bzw. abschwächt. Geografisch verläuft die Wanderung zumeist von „Ost nach West, von Nord nach Süd und vom Land in die Städte“ (Tivig/Hetze 2007: 42; vgl. Abb. 6)14. Auch die demografische Tendenz ist deutlich: Insbesondere jüngere, gut ausgebildete Menschen verlassen strukturschwache Räume. Aus diesen Entwicklungen entsteht eine Ver- schärfung der regionalen Disparitäten unter anderem im Hinblick auf die Innovationskraft, das vorhandene Arbeitskräftepotenzial und die Zukunftsaussichten verschiedener Räume sowie ei- ne wachsende Konkurrenz von Städten und Regionen um „produktive junge Menschen“ (Kröhnert u.a. 2006: 4); 12 Auch wenn der Bevölkerungsrückgang in den letzten Jahrzehnten durch Zuwanderungsgewinne kompensiert bzw. deutlich gemildert wurde (ohne sie würde die Bevölkerung bereits seit 1972 sinken), schrumpft die Einwohnerzahl seit 2003 trotz positiver Außenwanderungssalden (vgl. Tivig/Hetze 2007: 7). 13 Ein Grund für die wachsende Heterogenität der Beschäftigten ist in der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Frauen zu sehen – ihre Erwerbsquote nahm zwischen 1996 und 2006 um knapp vier Prozentpunkte auf 44,7 Prozent zu, wäh- rend jene der Männer leicht zurückging (2006: 56,6 Prozent) (vgl. DESTATIS u.a. 2008: 113). 14 Dennoch bestehen erhebliche Unterschiede auch zwischen einzelnen Räumen desselben Typs – so „profitieren“ nicht alle Städte von der Binnenwanderung, und selbst in wachsenden Stadtregionen gibt es schrumpfende Teilräume. 24 Abbild Quelle Abbild Quelle ung 5: Demog e: Tivig/Hetze ung 6: Region e: Weber/Klin grafischer Wand e (2007: 10). nale Disparitäte gholz (2009: 19 del: Anteil Erwe n: Bevölkerung 9, 21). erbstätiger an de sveränderung u er Gesamtbevöl und Anteil Unter lkerung r-35-Jähriger 25  die zunehmende Individualisierung – sowohl gesellschaftlich etwa im Sinne der zunehmenden Zahl allein lebender Personen als auch wirtschaftlich im Sinne einer zunehmenden Ausdiffe- renzierung, Personalisierung und Spezialisierung von Produkten und Dienstleistungen. Damit kongruent ist der Wandel von einem „Anbietermarkt“ zu einem „Nachfragermarkt“, aufgrund dessen Steuerungs- und Distributionsfunktionen sowie – in Zusammenhang mit der Verkürzung von Produktlebenszyklen – Beratungsfunktionen und Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten an Bedeutung gewinnen (vgl. Gornig/Ring 2001: 27);  (bei aller Uneinigkeit über die genaue Definition und bei allen Schwierigkeiten der Messbar- keit:) die Entwicklung der Nachhaltigkeit zu einem übergeordneten Leitbild, insbesondere an- gesichts beschränkter, knapper werdender natürlicher Ressourcen und des Klimawandels. Die Hinwendung zur (deutlich älteren) Thematik der Nachhaltigkeit zeigt sich auf öffentlicher Seite etwa in der Gründung des Rats für Nachhaltige Entwicklung 2001 und zahlreichen Lokale- Agenda-21-Initiativen, auf privatwirtschaftlicher Seite z.B. in der wachsenden Anzahl jährlicher Nachhaltigkeits- und Umweltberichte, die von Unternehmen erstellt werden (im Jahr 2009 über 150; Willenbrock 2009). Zusammenfassend und auf Unternehmen bezogen können angesichts dieser Entwicklungen zahl- reiche Veränderungstendenzen festgestellt werden. Diese beziehen sich unter anderem auf  die bestehenden Unternehmensarten und -größen,  die Unternehmensorganisation (in räumlicher, zeitlicher, hierarchischer und funktionaler Hin- sicht),  die (potenziellen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Arbeitsweisen,  den Gegenstand der Arbeit bzw. deren Produkte,  das Verhältnis zu anderen Unternehmen (gegenseitige Abhängigkeiten) sowie nicht zuletzt  die gesellschaftlichen und politischen Erwartungen, die an Unternehmen gerichtet werden. 27 5. Ansätze und Stand der Forschung Vor dem Hintergrund aktueller wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen wird sowohl in der Forschung als auch in der Praxis weithin angenommen, dass sich Standortfaktoren und ihre Bedeutung verändern und Strategien der Standortentwicklung dementsprechend angepasst werden müssen. Im Folgenden soll die Standortfaktoren-Forschung dargestellt und unter der Fragestellung betrachtet werden, inwiefern Studien der letzten Jahre Aufschluss über die Bedeutung von Stand- ortfaktoren im Allgemeinen und für bestimmte Branchen und Unternehmenstypen im Besonderen geben und inwiefern sie Veränderungen (der Bedeutung) von Standortfaktoren belegen können. 5.1 Ansätze: Ermittlung von Standortfaktoren In der empirischen Ermittlung von Standortfaktoren können in erster Linie zwei grundlegende me- thodische Ansätze unterschieden werden:  Befragung von Unternehmen in Standortfaktoren-Studien: In der Regel wird für diese Vorge- hensweise zunächst eine Stichprobe von Unternehmen gewählt, die in Bezug auf eine oder mehrere Größen repräsentativ ist (z.B. repräsentativ für die Wirtschaftsstruktur der Region und/oder für eine bestimmte Branche). Diese Unternehmen werden daraufhin im Rahmen einer Befragung darum gebeten, die Bedeutung von und ggf. auch ihre Zufriedenheit mit einzelnen Standortfaktoren einzuschätzen. Dies geschieht üblicherweise anhand einer vorgegebenen Lis- te von Standortfaktoren. Resultat sind Ranglisten von Standortfaktoren, die z.B. Auskunft über die zehn bedeutendsten Faktoren einer Branche liefern sollen.  Analyse der Standortwahl von Unternehmen in Standorttypen-Studien: Kern dieser Methode sind Beobachtungen, die in der Regel auf kleinräumiger Ebene (z.B. in ausgewählten Gewerbe- gebieten einer Kommune oder einer Region) angestellt werden, um daraus Rückschlüsse auf die ausschlaggebenden Charakteristika verschiedener Standorttypen – und damit explizit oder implizit auch Standortfaktoren – zu ziehen. Die Beobachtungen thematisieren dabei in der Re- gel „schnappschussartig“ den Zustand zum Zeitpunkt der Erhebung (z.B. wie viele Unter- nehmen welcher Branchen sind wo angesiedelt?). In den betrachteten Studien der letzten Jahre ist die erste, expliziter auf Standortfaktoren ausgerich- tete Herangehensweise (Unternehmensbefragung) die deutlich gängigere und steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung in diesem Abschnitt; in Einzelfällen werden beide Herangehensweisen innerhalb einer Untersuchung verbunden. Angesichts der dargestellten Dynamik und Differenziertheit von Standortfaktoren und Standort- entscheidungen kann in Bezug auf diese Forschungsansätze eine Reihe von Schwierigkeiten und Herausforderungen festgestellt werden. Dazu gehören:  Die Logik der Untersuchung entspricht nicht jener der unternehmerischen Standortentschei- dung: Während die Forschung in der Regel einzelne Faktoren getrennt voneinander betrachtet, werden diese von Unternehmen häufig undifferenziert als zu einem Standort gehöriges „Fakto- renbündel“ behandelt15 (vgl. Bonny 2001: 28; Grabow u.a. 1995: 19). Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass sich die Sprache der Wissenschaft (im engeren wie im weiteren Sinne) und 15 Bereits Weber erwähnt das hiermit verbundene Frustrationspotenzial: Werden einzelne Industrielle nach den Gründen ihrer Standortwahl gefragt, werden sie „... meist ein merkwürdiges Gemisch von allgemeinen und besonderen Gründen vortragen, ein Gemisch, das bei jeder Fabrik verschieden sein wird und das bei jeder auch die a l l gemeinen Orien- tierungsgründe, die es enthält, wieder in einer besonderen individuellen Gruppierung darbieten wird. Derartig, dass man ... zunächst verzweifeln möchte, generelle Formeln für die Wirksamkeit der verschiedenen Allgemeinfaktoren zu finden, ja sie selbst auch nur limitativ völlig zu bestimmen“ (Weber 1922: 15). 28 die von ihr verwandten Begriffe deutlich von jenen der Unternehmen unterscheiden können – mit Missverständnissen und damit verfälschten Ergebnissen als Folge16.  Die Auswahl der betrachteten Standortfaktoren ist zu eingeschränkt oder einseitig: Aus der schier unendlichen Zahl von Standortfaktoren muss eine Auswahl getroffen werden. Welche Faktoren am Ende untersucht werden, ist allerdings von zentraler Bedeutung, denn nur über sie kann eine Aussage getroffen werden – alle übrigen bleiben außen vor, was ihre Bedeutungslo- sigkeit impliziert. Gleichzeitig bestehen aber nur sehr ungefähre Orientierungsmöglichkeiten für die Auswahl der Faktoren: Das Wissen über unternehmerische Standortentscheidungspro- zesse ist gering; die Abstützung auf frühere Studien kann aufschlussreich sein, aber auch zu Replikationsproblemen führen (insbesondere zu systematischen Unter- bzw. Überbewertungen einzelner Standortfaktoren); Standortfaktoren, ihre Bedeutung und die wirtschaftlichen wie ge- sellschaftlichen Rahmenbedingungen befinden sich konstant im Wandel, und es entstehen im- mer wieder neue Unternehmenstypen, die noch kaum erforscht sind. Entsprechend ist bei der Auswahl der zu untersuchenden Standortfaktoren immer auch ein experimentelles Element des „Stocherns im Dunkeln“ mit dabei. Mit dieser Problematik verbunden ist auch die Frage nach Anzahl und Detaillierungsgrad der betrachteten Faktoren: Weder sollten es zu wenige oder zu grob gefasste sein, noch sollten sie zu zahlreich oder detailliert sein – eine ideale Formel gibt es jedoch nicht.  Die Ergebnisse sind stark kontextabhängig: Insbesondere für die erste Vorgehensweise ist es von erheblicher Bedeutung, ob Unternehmen in Zusammenhang mit konkreten Standort- entscheidungen befragt oder um allgemeine Einschätzungen gebeten werden (vgl. Grabow u.a. 1995: 18). Darüber hinaus können unterschiedliche Standortfaktoren in verschiedenen Phasen des Lebenszyklus eines Unternehmens unterschiedlich große Rollen spielen. Auch zeigen sich unter anderem Abhängigkeiten zwischen der Einschätzung der Bedeutung von Faktoren und dem Siedlungstyp (vgl. Grabow u.a. 1995: 21 f.), in dem sich das Unternehmen zum Zeitpunkt der Befragung befindet, sowie der Person im Unternehmen, die die Bedeutungseinschätzung vornimmt.  Die Betrachtung der Wirkungsrichtung von Standortfaktoren ist einseitig: In empirischen Unter- suchungen werden Standortfaktoren in der Regel in ihrer Eigenschaft als Pull-Faktoren betrach- tet, das heißt, es wird versucht zu ermitteln, was Unternehmen erwarten und wünschen. Kaum Beachtung findet allerdings die entgegengesetzte Wirkung von Standortfaktoren als Push- Faktoren, die Unternehmen Probleme bereiten und häufig Hauptgrund für Verlagerungen sind.  Die Kategorisierung von Unternehmen nach Branchen ist nur eingeschränkt aussagekräftig: Die Bedeutung von Standortfaktoren wird überwiegend in Bezug auf einzelne (Teil-)Sektoren oder Branchen untersucht. Damit wird – meist implizit – die Annahme getroffen, dass die (wie auch immer definierte) Branchenzugehörigkeit eines Unternehmens die aussagekräftigste Differen- zierungsmöglichkeit ist. Während dieser historisch verwurzelte Ansatz mit Sicherheit auch nach wie vor seine Berechtigung hat, ist durchaus fraglich, ob er in jedem Falle als zentrale oder besonders als alleinige Differenzierung angemessen ist: Die Branchenstruktur hat sich im Zuge des Strukturwandels stark ausdifferenziert, und gerade in neueren Wirtschaftsbereichen fällt die Zuordnung von Unternehmen zu einer bestimmten Branche schwer. So kann insbe- sondere die alleinige Betrachtung der Branche(n) zur Überdeckung anderer – potenziell mit mehr Aussagekraft versehener – Unterscheidungskriterien wie Organisationsform, Unterneh- mensgröße, Arbeitsweise usw. führen. 16 Ein Versuch zum Umgang mit diesen Schwierigkeiten stellt die in der Produktforschung gängige und auf die Standort- faktoren-Forschung übertragene Conjoint-Analyse dar: Siehe dazu Bonny (2001: 28 f.). 29 Diese und andere Ausgangsschwierigkeiten bzw. -herausforderungen haben zur Folge, dass die Studien und ihre Ergebnisse sehr unterschiedlich sind. Hinzu kommt das Problem der nicht selten mangelhaften Dokumentation (bzw. Publikation derselben), was eine Einschätzung der jeweiligen Studienergebnisse praktisch unmöglich macht. So bleibt festzuhalten, dass es sich bei den Ergeb- nissen von Untersuchungen zu Standortfaktoren von vornherein immer nur um Näherungswerte handelt – wobei sich der Grad der Näherung von einer Studie zur nächsten erheblich unterschei- den kann. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden daher zwei Qualitätsmerkmale zur Auswahl von Studien, auf die Aussagen zur Bedeutung von Standortfaktoren gestützt werden, herangezogen:  Vorhandensein zumindest grundlegender Angaben zur Vorgehensweise und zu den untersuch- ten Unternehmen (insbesondere Branche/Art und Anzahl) sowie  Einbezug zumindest einiger differenzierender Aspekte wie Unternehmensgröße, Arbeitsweise, räumlicher Betrachtungsebene usw. 5.2 Forschung: Standortfaktoren-Studien der letzten Jahre In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien erstellt, in denen die Auseinandersetzung mit Standortfaktoren eine zentrale Rolle spielt. Neben reinen Standortfaktoren-Studien (z.B. zu Stand- ortfaktoren und ggf. der Standortzufriedenheit von Unternehmen in einer bestimmten Region) ge- hören dazu auch solche, in denen die Frage nach Standortfaktoren einen Aspekt unter mehreren darstellt (etwa in Studien zur Standortverteilung bestimmter Branchen) oder in denen sie als Teil einer Argumentationsbasis dient (beispielsweise für die Entwicklung von Gewerbeflächen- konzepten oder -prognosen). Unabhängig von den verschiedenen Ausrichtungen oder Einbettungen ist diesen Standortfaktoren- Studien – wie sie im Folgenden der Einfachheit halber zusammenfassend genannt werden sollen – gemein, dass sie in der Regel methodisch auf Unternehmensbefragungen basieren und zur Darstel- lung ihrer Ergebnisse unterschiedlich geartete Ranglisten von Standortfaktoren produzieren. Als anschauliches Kondensat der Befragungsergebnisse sind es dann auch meist diese Ranglisten, auf deren Basis in den Studien selbst oder in anderen Auseinandersetzungen mit dem breiteren Thema der Standortwahl und -entwicklung Argumentationen aufgebaut werden. 5.2.1 Bandbreite und Vergleichbarkeit der Studien Eine abstrahierende Betrachtung der Rahmendaten und Studienergebnisse macht die große Band- breite der Standortfaktoren-Studien deutlich. Diese Bandbreite erschöpft sich jedoch nicht darin, dass der Fokus lediglich auf unterschiedliche Branchen oder Räume gelegt wird. Vielmehr treten mehrere Dimensionen zutage, die auch als Unterscheidungsmerkmale zwischen den Studien her- angezogen werden können:  Die Varianz der Fokussierungen ist beträchtlich. Während manche Studien z.B. bestimmte Raumtypen in ganz Deutschland betrachten, stehen bei anderen bestimmte Bundesländer, Stadtregionen oder Städte im Mittelpunkt. Darüber hinaus können die Definitionen gewählter Kategorien deutlich voneinander abweichen – um beim gleichen Beispiel zu bleiben, sei stell- vertretend auf die Vielzahl der Möglichkeiten zur Definition einer (Stadt-)Region verwiesen17. 17 Auch wenn gleiche Raumtypen betrachtet werden, so unterscheiden sich die tatsächlichen Räume dennoch erheblich (z.B. zwei verschiedene Großstädte). 30 Nicht zuletzt wird insbesondere bei den betrachteten Sektoren und Branchen unterschiedlich stark differenziert.  Unter den Fokussierungen bleiben insbesondere die räumlichen Ebenen, auf die sich die Stu- dien konzentrieren, weitgehend uneindeutig. In der Regel sind diesbezüglich lediglich grobe Rückschlüsse anhand des städtischen/regionalen Fokus in Kombination mit den erfragten Standortfaktoren möglich. Dabei können zahlreiche Standortfaktoren je nachdem, auf welche räumliche Ebene sie bezogen werden – u.a. die einzelne Immobilie, das Quartier, die gesamt- städtische oder regionale Ebene betreffend –, einen unterschiedlichen Bedeutungsgehalt haben. So kann die ÖPNV-Anbindung, um ein Beispiel aufzugreifen, ohne räumliche Zuordnung nicht exakt interpretiert werden: Handelt es sich um die Haltestelle um die Ecke, um die Anbindung des Stadtteils in bestimmte Richtungen oder um die Dichte des städtischen/regionalen ÖPNV- Verkehrsnetzes?  Die gewählten Abgrenzungen sind sehr unterschiedlich. Angesichts der Vielzahl möglicher einzelner Fokussierungen und der daraus resultierenden Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich schier zahllose Abgrenzungsvarianten. So ist es wenig überraschend, dass keine zwei der betrachteten Studien die gleiche Abgrenzung aufweisen.  Je nach Rahmenbedingungen der Studie, den gewählten Fokussierungen und dem Rücklauf schwankt auch die Zahl der befragten Unternehmen beträchtlich: Die entsprechende Bandbrei- te in den betrachteten Studien reicht von 25 bis 16.000 Unternehmen. Dabei ist anzumerken, dass bei kleinen Grundgesamtheiten bereits wenige Ausreisser das Ergebnis – in diesem Falle die Reihenfolge der Standortfaktoren – erheblich beeinflussen können.  Die Ranglisten unterscheiden sich in ihrer Sortierung und Gewichtung. Häufig werden die ab- gefragten Standortfaktoren einzeln nach ihrer Wichtigkeit (z.B. basierend auf einem Punkte- schlüssel oder dem prozentualen Anteil der Nennungen als „sehr wichtig“) sortiert. Dies ist je- doch nicht die einzige Möglichkeit, die Befragungsergebnisse wiederzugeben: Zum Teil wer- den die Standortfaktoren nicht einzeln, sondern in Gruppen oder Bedeutungskategorien sortiert (z.B. alle, die am häufigsten als „sehr wichtig“ bezeichnet werden), oder es werden gelegent- lich auch nur jene Standortfaktoren überhaupt aufgezählt, die im Schnitt mindestens als „wich- tig“ erachtet werden.  Es resultieren unterschiedliche Rangfolgen der einzelnen Standortfaktoren je nachdem, auf welche Ergebnisse der Befragung bei der Listenerstellung zurückgegriffen wird. So kann der Lis- tenplatz – und damit die dem Standortfaktor zugeordnete Bedeutung – erheblich variieren, wenn nur nach der Anzahl der Nennungen als „sehr wichtig“ oder alternativ nach der kombi- nierten Anzahl der Nennungen als „sehr wichtig“ und „wichtig“ oder etwa auch nach der An- zahl der Nennungen als „unbedeutend“ (also von unten nach oben) sortiert wird.  Die Anzahl der aufgezählten Standortfaktoren unterscheidet sich von einer Studie zur nächsten – meist sind es zwischen fünf und 20. Unter anderem aufgrund der unterschiedlichen Möglich- keiten zur Listenerstellung kann jedoch nicht automatisch geschlossen werden, dass die in ei- ner Rangliste aufgezählten Standortfaktoren alle abgefragten oder von Unternehmen erwähnten Faktoren darstellen.  Die aufgezählten Standortfaktoren sind in keiner der Studien identisch – dies gilt auch unab- hängig von ihrer Reihenfolge. Während manche Standortfaktoren, insbesondere harte allge- meine Standortfaktoren wie die Verkehrsanbindung, der Preis der Immobilie oder die Verfüg- barkeit von Arbeitskräften, fast durchweg vorkommen, zeigen sich bei anderen deutliche Un- terschiede. Diese können in der Regel auf den Kontext und die Ausrichtung der Studie zurück- geführt werden. 31  Der Detaillierungsgrad der aufgeführten Standortfaktoren ist zum Teil sehr unterschiedlich (et- wa: Verkehrsanbindung oder eine detailliertere Unterscheidung nach Modalitäten). Bei Listen mit detaillierten Unterscheidungen zeigen sich zwischen den einzelnen Sub-Kategorien oft er- hebliche Differenzen in der Bedeutungszuordnung – solche sind bei Untersuchungen, die mit generelleren Kategorien oder mit kombinierten Faktoren arbeiten, nicht identifizierbar und da- mit nicht nachvollziehbar. Zu diesen in der Regel einigermaßen sichtbaren Unterscheidungsmerkmalen kommen weitere Ei- genschaften der Studien hinzu, die häufig unbekannt sind, das Studienergebnis aber durchaus be- einflussen können. Zu den unsichtbaren Merkmalen gehören z.B. die Entwicklungsphase, in der sich die befragten Unternehmen befinden, die Rolle/Position der Befragten in den Unternehmen, die Konstellationen der Tätigkeitsarten in den Unternehmen ebenso wie die Befragungs- bedingungen (wurden die erfragten Standortfaktoren näher erläutert, um ein eindeutiges Ver- ständnis zu gewährleisten? In welchem Zusammenhang und durch wen fand die Befragung statt?). Die Auseinandersetzung mit der Bandbreite der betrachteten Standortfaktoren-Studien macht deut- lich, dass es sich bei ihnen in vielerlei Hinsicht um Unikate handelt: Sie sind eingebettet in ihren jeweils eigenen Untersuchungskontext, und es kommen unterschiedliche Forschungs- und Darstel- lungsansätze zum Einsatz. Daraus ergeben sich sehr enge Grenzen für die Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit der Untersuchungsergebnisse. Die Standortfaktoren aus unterschiedlichen Ranglis- ten einfach zu „addieren“, um etwa auf die drei wichtigsten Standortfaktoren für Handwerksbe- triebe zu schließen, kann kaum zu belastbaren Ergebnissen führen – auch wenn dies nicht selten in kleinerem Maßstab, insbesondere in Argumentationen zu Standortentwicklungskonzepten, ge- schieht. Eine weitere Problematik ist mit der Betrachtung der Studien im zeitlichen Verlauf verbunden. Al- lein das neue Auftreten eines Standortfaktors in jüngeren Studien erlaubt keine Rückschlüsse dar- über, dass der betreffende Standortfaktor oder die ihm beigemessene Bedeutung an sich neu ist. Es belegt lediglich, dass der Standortfaktor erst seit kurzem im Blick der Forschung präsent ist. Ähnliche Vorsicht ist auch bei der Bedeutungszuordnung aufgrund von Listenplätzen geboten. Auch wenn die Ranglisten als Darstellungsmittel das Gegenteil suggerieren: Nur, weil ein Stand- ortfaktor auf einem hinteren Platz verzeichnet ist, stellt dies noch keinen Beleg für seine Bedeu- tungslosigkeit dar. Es bedeutet zunächst lediglich, dass die befragten Unternehmen ihn im Schnitt als (vielleicht auch nur geringfügig) weniger ausschlaggebend im Vergleich zu den anderen erfrag- ten Faktoren beurteilen. Gleichermaßen kann ein solcher Ranglistenplatz auch nicht als universel- le Messlatte herangezogen werden: Der zehnte Rang in einer Befragung zu zehn Standortfaktoren hat ein anderes Gewicht als der gleiche Rang in einer Befragung zu 20 Standortfaktoren. Die zahlreichen Differenzen im Aufbau der einzelnen Studien sind eng mit der Komplexität und der Vielschichtigkeit der Thematik an sich verbunden. Die Grenzen der direkten Vergleichbarkeit von Standortfaktoren-Studien ergeben sich zwingend aus den aktuellen Forschungsansätzen und werden – vor allem in der politischen Bewertung von Studienergebnissen – noch zu häufig über- sehen. Daher gilt es beim Vergleich mehrerer Studien genauer hinzusehen, also die Rahmen- bedingungen mit einzubeziehen, die Kontextgebundenheit der Ergebnisse anzuerkennen und mit den daraus resultierenden Grenzen des Erkenntnisgewinns umzugehen. Während die Uneindeutigkeit und die damit verbundenen Dilemmata kaum zu umgehen sind, wäre eine weitere Problematik durchaus vermeidbar: die – zum Teil sehr – mangelhafte Doku- mentation bzw. Publikation von Methodik, Grundlagen und Rahmenbedingungen mancher Stu- dien. Diese Nachlässigkeit macht nicht nur eine – auch vorsichtige und kritische – Gegenüber- stellung mit anderen Studien praktisch unmöglich, sondern sie erlaubt auch kaum eine Einschät- zung der Studienergebnisse an sich und mindert damit deren Wert für den praktischen wie auch wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn erheblich. 32 5.2.2 Studienergebnisse: Generelle Tendenzen Trotz aller Schwierigkeiten im direkten Vergleich einzelner Standortfaktoren-Studien lassen sich aus einer breiten Zusammenschau der berücksichtigten Studien mit der gebotenen Vorsicht zwei übergreifende Tendenzen identifizieren.  Erkennbar scheint in erster Linie eine anhaltende Bedeutung harter Standortfaktoren. Insbeson- dere nach Kriterien der Erreichbarkeit, fester Kosten und der Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften wird – wenn auch zum Teil in unterschiedlicher Ausprägung und mit unter- schiedlichem Detaillierungsgrad – in fast jeder Studie gefragt, und solche Standortfaktoren be- finden sich in der Regel auf oberen Listenplätzen. Der Umkehrschluss allerdings, dass damit die These der wachsenden Bedeutung weicher Standortfaktoren widerlegt wäre, kann daraus kaum gezogen werden: In vielen Studien wurde nicht oder nur vereinzelt nach weichen Stand- ortfaktoren gefragt, und dort, wo sie mit untersucht wurden, gibt es wenige Überlappungen in den tatsächlich erfragten Faktoren.  Darüber hinaus legt die Zusammenschau der Untersuchungen nahe, dass die wesentliche Ge- meinsamkeit der überwiegenden Mehrheit aller weiteren Standortfaktoren in der ausgeprägten Kontextabhängigkeit ihrer Bedeutungszuordnung besteht; ausschlaggebend für den Listenplatz eines Standortfaktors scheint jedenfalls nicht eine quasi-universelle Bedeutung zu sein. Viel- mehr scheinen zwei zusammenwirkende und sich überlagernde Faktoren eine wesentliche Rol- le zu spielen. Dies sind zum einen differenzierende und veränderliche Eigenschaften der be- fragten Unternehmen, wie beispielsweise Branchenzugehörigkeit, Unternehmensgröße oder Arbeitsweisen. Zum anderen handelt es sich um Charakteristika des Studiendesigns und der Studiendurchführung (u.a. nach welchen und wie vielen Standortfaktoren gefragt wird, wie ge- fragt wird, in welchem Raum gefragt wird). Die beschriebene Kontextabhängigkeit zeigt sich darüber hinaus auch bei den oben genannten drei Gruppen harter Standortfaktoren. Es ist keineswegs so, dass sie immer die obersten drei Plätze bekleiden. Dennoch gehören sie – bzw. einzelne Ausprägungen der drei Gruppen – in der Regel zum oberen Bereich der Ranglisten. Auch die Sprünge der einzelnen Faktoren in Bezug auf ihren Ranglistenplatz von einer Studie oder Auswertungsmethode zur nächsten scheinen hier wesentlich weniger stark ausgeprägt zu sein als bei anderen Faktoren. Im Folgenden sollen Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede in den Ergebnissen von Standort- faktoren-Studien in ihrem jeweiligen Kontext am Beispiel einiger ausgewählter Branchen und Un- ternehmenstypen betrachtet werden. 5.2.3 Studienergebnisse: Ausgewählte Branchen und Unternehmenstypen Die Vergleichbarkeitsproblematik zeigt sich ganz besonders bei der Gegenüberstellung einzelner Studien: Das Spektrum der vorhandenen Kombinationen an (unterschiedlich stark detaillierten) Fokussierungen ist breit, Überlappungen in mehr als einem Kriterium sind entsprechend rar, und die Rahmendaten sind nicht selten nur zum Teil bekannt. Hinzu kommen bei jeder Studie zahlrei- che Alleinstellungsmerkmale. Für die Betrachtung anhand einzelner Kriterien wurden – soweit möglich – jeweils diejenigen Standortfaktoren-Studien gewählt, deren Rahmendaten zumindest großteils bekannt sind und die sich in ihren Fokussierungen auch über den zu betrachtenden Aspekt hinaus am ehesten ähneln. Zunächst soll das Augenmerk auf drei Studien gelegt werden, die sich dem verarbeitenden Ge- werbe bzw. Industrieunternehmen zuwenden (Spieß 2001; Glaser/Menze 2003; Baden/Schmid 2007). Drei Standortfaktoren wurden in allen drei Studien erfragt: Kommunale Steuern/Abgaben, 33 Lohnniveau und arbeitskräftebezogene Faktoren – Letztere allerdings mit etwas unterschiedlichem Einschlag. Den arbeitskräftebezogenen Faktoren ist gemein, dass sie durchweg Plätze in den obe- ren Hälften der Listen einnehmen. Innerhalb dieses Rahmens zeigen sie allerdings eine recht dis- perse Verteilung und bieten damit nicht zuletzt ein gutes Beispiel für den Einfluss unterschiedli- cher Faktorenbezeichnungen und -differenzierungen. Der wesentlich einheitlicher gefasste Faktor Kommunale Steuern/Abgaben wurde von den befragten Unternehmen in allen drei Studien als recht bedeutend angesehen. Dennoch zeigen sich auch hier klare Unterschiede in der Bedeu- tungszuordnung. Noch deutlicher unterscheiden sich die geschätzten Bedeutungen des Lohnni- veaus. Im Hinblick auf die unternehmensorientierten Dienstleistungsunternehmen wurden zwei Studien genauer betrachtet (Schmidt 2005; Baden/Schmid 2007). Auch in diesem Fall finden sich drei Standortfaktoren in beiden Studien in ähnlicher Form wieder: Büro(/Laden)mieten, Kundennähe und Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte. Dass es auch innerhalb von Branchen keine generel- le Bedeutung einzelner Standortfaktoren geben muss, zeigt beispielsweise der Faktor Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte: Er nimmt in der einen Studie den ersten Rang ein, in der anderen, nach Unternehmensgrößen differenzierenden Studie steht er hingegen nur bei den größeren der befrag- ten Unternehmen auf den vorderen Plätzen. Ähnlich verhält es sich mit den beiden Faktoren Kun- dennähe und Büromieten, deren Bedeutung je nach Studie wesentlich unterschiedlich beurteilt wurde. Die Transport- bzw. Logistik-Branche wurde ebenfalls anhand zweier Studien betrachtet (Berg- feld/Groß 2001; Glaser/Menze 2003). Besonders deutlich zeigt sich dabei, wie unterschiedlich das Bild von Standortfaktoren und ihrer Bedeutung ausfallen kann, je nachdem, welche Faktoren in welcher Form erfragt werden: Lediglich ein Standortfaktor tritt bei beiden Studien in ähnlicher Form auf, bei großzügiger Auslegung zwei. Der Standortfaktor Anbindung an den überörtlichen Verkehr wurde – angesichts der Branche wenig überraschend – von den befragten Unternehmen in beiden Studien als wichtig erachtet. Allerdings handelt es sich dabei in einer der beiden Studien um einen kombinierten Faktor (Infrastruktur, örtliche und überörtliche Verkehrsanbindung), der kaum präzise zu interpretieren ist. Ebenfalls nicht besonders klar ist die Lage hinsichtlich des zwei- ten einigermaßen ähnlichen Standortfaktors. Die arbeitskräftebezogenen Faktoren gehen zwar aus beiden Studien als wichtig hervor, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Begrifflichkeit: Während der Faktor Verfügbarkeit der Arbeitskräfte in der einen Studie recht eindeutig gefasst ist, kann unter dem Faktor Arbeitskräfte in der anderen Studie Verschiedenes verstanden werden, da- runter das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte, die Verfügbarkeit ausreichend bzw. passend qualifizierter Arbeitskräfte oder generell die Verfügbarkeit von Arbeitskräften in der jeweiligen Re- gion. Auch für den Bereich Kreativwirtschaft lagen zwei Studien vor, die jeweils ein bestimmtes Spekt- rum an Branchen und Tätigkeitsprofilen mit einbeziehen, das der Kreativwirtschaft (in überlappen- der, jedoch nicht identischer Auslegung) zugeordnet wird (Ebert u.a. 2008; Herkommer/Henckel 2008). Unter den erfragten Standortfaktoren treten drei in beiden Studien auf: Nähe zu Kunden (und Auftraggebern), Preis bzw. Miethöhe der Immobilie und – mit größeren Einschränkungen – Lebens- und Freizeitqualität bzw. Freizeitwert. Besonders deutlich zeigt sich an dieser Stelle der Einfluss der Art der Rangfolgenbildung auf die Bedeutungszuordnung einzelner Standortfaktoren: Abhängig von der jeweiligen Sortierungslogik18 unterscheidet sich der Grad der Bedeutung deut- lich innerhalb einer der Studien wie auch zwischen den beiden Studien. So lässt sich für die Fakto- ren Nähe zu Kunden und Immobilienpreis/Miethöhe zwar feststellen, dass sie durchaus bedeutend zu sein scheinen, diese Bedeutung lässt sich aber im Vergleich der Studien nicht beziffern. Die 18 Betrachtet wurde jeweils die Sortierung der einzelnen Standortfaktoren nach der Anzahl der Nennungen als „sehr wichtig“ und die Sortierung nach der Anzahl der Nennungen als „sehr wichtig“ und „wichtig“ zusammen. 34 freizeitorientierten Faktoren erlauben nicht einmal einen solchen generellen Rückschluss: Zu un- beständig ist der Listenplatz des Faktors innerhalb einer Studie je nach Sortierung wie auch im Vergleich der Studien. Eine sektorenübergreifende Möglichkeit der Unterscheidung stellt das Kriterium der Unterneh- mensgröße dar. Hierzu wurden zwei Studien näher betrachtet, bei denen die überwiegende Mehr- heit der befragten Betriebe weniger als 100 Beschäftigte aufweist und die ein gemischtes Bran- chenspektrum untersuchen (Glaser/Menze 2003; Stadt Kassel/Planquadrat Dortmund 2005). In beiden Studien finden sich insgesamt vier ähnliche Standortfaktoren: arbeitskräftebezogene Fakto- ren, Flächenangebot sowie Faktoren aus den Bereichen Verkehrsanbindung/Infrastruktur und Standortimage. Bei den arbeitskräftebezogenen Faktoren bietet sich ein ähnliches Bild wie zuvor für das verarbeitende Gewerbe oder die Logistik-Branche: Sie kommen in insgesamt vier verschie- denen Ausprägungen vor (zwei je Studie), die sich – jeweils an unterschiedlichen Stellen und in unterschiedlichen Relationen zu anderen Standortfaktoren – innerhalb der oberen Drittel der Ranglisten wiederfinden. Umgekehrt nimmt der in beiden Studien ähnlich erfragte Standortfaktor Flächenangebot jeweils einen Platz in der unteren Hälfte der Liste ein. Die Faktoren mit Bezug zur Verkehrsanbindung und Infrastruktur sind jeweils in der oberen Hälfte der Listen anzutreffen und scheinen grundsätzlich von Bedeutung zu sein. Schwieriger verhält es sich jedoch mit ihrer relati- ven Bedeutung gegenüber den ebenfalls in den oberen Listenhälften befindlichen imagebezogenen Faktoren: Diese wird in den beiden Studien gegensätzlich eingeschätzt. Dezidiert nach räumlichen Ebenen unterschieden wird in einer der betrachteten Studien zur Krea- tivwirtschaft (Herkommer/Henckel 2008). Differenziert wurde sowohl in der Befragung wie auch in der Auswertung nach zwei räumlichen Ebenen: „immobilienbezogene Standortfaktoren“ und „umfeldbezogene Standortfaktoren“. Wie Abbildungen 7 und 8 zeigen, unterscheiden sich die zwei Gruppen von Standortfaktoren erheblich voneinander und weisen eigene Bedeutungshierar- chien auf, die jeweils im Kontext ihrer spezifischen räumlichen Bezugsebene zustande kamen und zu verstehen sind. Mit diesem Vorgehen wurde gewissermaßen eine Entflechtung üblicherweise gemeinsam betrachteter Standortfaktoren vorgenommen, die aus mindestens zwei Blickwinkeln von Interesse ist. Zum einen erscheinen die einzelnen Standortfaktoren für die Befragten wie auch für die Leserinnen und Leser der Studie präziser definiert – beispielsweise ist deutlich, dass mit dem Faktor Soziale Infrastruktur nicht etwa die Bedeutung der gesamtstädtischen Ausstattung, son- dern jene des engeren Umfelds der Immobilie beurteilt werden soll. Zum anderen wird den Stu- dienergebnissen dadurch eine zusätzliche Dimension verliehen, dass zwei Ranglisten getrennt ne- beneinander stehen und damit Aufmerksamkeit darauf lenken, dass gleichzeitig mehrere Prioritä- tensysteme bestehen können. Abbild Quelle Abbild Quelle 5.3 Ein a suchu ausei wird Ähnli Stand oft Te te und ung 7: Bedeu e: Herkomme ung 8: Bedeu e: Herkomme Forschun lternativer Zu ungen, die s nandersetzen dieser Ansatz ich wie die dorttypen-Stu eil breiter ang d Vorhaben. utung von immo r/Henckel (2008 utung von umfeld r/Henckel (2008 g: Standort ugang zur Erf ich mit versc n. In Ergänzu z im Folgend Standortfakt dien bezeich gelegter Stud bilienbezogenen 8: 50). dbezogenen Sta 8: 55). typen-Stud forschung de chiedenen St ung zu den h en kurz umri oren-Studien hneten – Unt ien und/oder n Standortfakto andortfaktoren dien der letz er unternehm tandorttypen hier im Mitte issen. n stehen auc tersuchungen r dienen als A ren (Kreativwirt (Kreativwirtscha zten Jahre merischen Sta und den do elpunkt stehe ch diese – h n eher selten Argumentatio schaft Berlin 20 aft Berlin 2008) ndortwahl fin ort vorhande enden Stando hier der Einfa n für sich alle onsbasis für b 008) ndet sich in enen Unterne ortfaktoren-St achheit halb eine, sonder bestimmte Ko 35 Unter- ehmen tudien ber als n sind onzep- 36 Während im Rahmen von Standortfaktoren-Studien nach bestimmten Kriterien gewählte Unter- nehmen zu ihrer Beurteilung einzelner Faktoren befragt werden, setzen Standorttypen-Studien bei der bereits getroffenen Standortwahl an: Es wird betrachtet, in welchen räumlichen oder räumlich- funktionalen Zusammenhängen – hier als Standorttypen bezeichnet – verschiedenartige Unter- nehmen angesiedelt sind. Ziel ist es, daraus Rückschlüsse auf Affinitäten unterschiedlicher Unter- nehmensarten zu bestimmten Raumtypen zu ziehen. Die Betrachtung kann dabei aus zwei Rich- tungen erfolgen: Ausgehend von bestimmten Raumtypen kann die Bandbreite der vorhandenen Unternehmen analysiert werden, ausgehend von bestimmten Unternehmenstypen kann die Band- breite ihrer gewählten Standorttypen im Mittelpunkt stehen. Bei diesen Auseinandersetzungen stehen meist nicht explizit einzelne Standortfaktoren im Mittel- punkt, sondern vielmehr die unterschiedlichen Räume und damit implizit die dort vorhandenen Standortfaktoren-Bündel. Im Rahmen einiger Untersuchungen werden zusätzlich zur Beobachtung auch Unternehmensbefragungen durchgeführt, um die für die Standortwahl ausschlaggebenden Gründe oder Standortfaktoren zu ermitteln. 5.3.1 Bandbreite und Vergleichbarkeit der Studien Für Studien zu Standorttypen werden in der Regel zwei verschiedene Klassifizierungen vorge- nommen: zum einen eine Einteilung verschiedener Raum- bzw. Standorttypen und zum anderen eine Unterscheidung verschiedener Unternehmenstypen. In Bezug auf ihre räumliche Ausrichtung lassen sich grob zwei Fokusse solcher Studien identifizie- ren – wobei es durchaus auch Untersuchungen gibt, die beide Aspekte thematisieren:  Studien, die in erster Linie Standorte nach ihrer Zentralität19 unterscheiden und damit ver- suchen, die Zentralitätsaffinität verschiedener Unternehmensarten zu ermitteln, und  Studien, die den Blick vor allem auf unterschiedliche (Gewerbe-)Gebietstypen20 richten und auf diese Weise nach Mustern einer Gebietstypenaffinität verschiedener Unternehmensarten suchen. In Bezug auf die Unternehmenstypen lassen sich kaum übergreifende Gruppierungen vornehmen: Zu weit gefächert sind die gewählten Merkmale, anhand derer Unternehmen klassifiziert werden. Die Bandbreite reicht von Einteilungen nach Branchen (häufig mit weiteren, teils eigenen Spezifi- kationen zu einzelnen Bereichen innerhalb von Branchen) bis hin zur Sortierung nach selbst defi- nierten, zum Teil branchenübergreifenden Eigenschaftsclustern, in die etwa Aspekte wie die jewei- lige Produktionstechnik, der Anteil hoch qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder auch die Höhe der Sozialleistungen einfließen. Darüber hinaus sind die Klassifikationsarten von Unter- nehmenstypen innerhalb einer Studie nicht selten gemischt (z.B. kommt es vor, dass ein Teil der Unternehmen nach ihrer Branchenzugehörigkeit, ein anderer Teil nach mehr oder weniger bran- chenunabhängigen Eigenschaftsclustern gruppiert wird). Die Grenze zwischen hypothetischen Überlegungen und Untersuchungsergebnissen scheint bei Betrachtungen zu Standorttypen oftmals fließend zu verlaufen. Da es – ähnlich wie bei den Stand- ortfaktoren-Studien – immer wieder vorkommt, dass konkrete Angaben zum Hintergrund der In- 19 Häufige Kategorien sind: innerstädtische Standorte – diese werden zum Teil weiter unterteilt, etwa nach Standorten in der City, in der weiteren Innenstadt und in urbanen Quartieren außerhalb des inneren Stadtbereichs – und Standorte am Stadtrand bzw. in peripherer Lage. 20 Häufige Kategorien sind: altindustrielle Gebiete, „Standardgewerbegebiete“, welche die Mindestanforderungen nach BauNVO (Baunutzungsverordnung; Verordnung über die bauliche Nutzung der Grundstücke) erfüllen, speziell ausge- richtete Gewerbeparks sowie Wohn- und Mischgebiete. 37 formationen bzw. zu Studiendesign und -durchführung fehlen, kann nicht in jedem Falle beurteilt werden, wie es um die wissenschaftliche Solidität der Ergebnisse steht und ob es sich um reine Forschungsergebnisse oder eher um eine Mischung aus Erfahrungswerten, Erwartungen und Empi- rie handelt. All dies trägt dazu bei, dass auch bei Standorttypen-Studien eine unmittelbare Vergleichbarkeit im Sinne einer einfachen „Addierbarkeit“ verschiedener Studienergebnisse nicht gegeben ist. Verall- gemeinernde Schlüsse verbieten sich darüber hinaus wie bei Standortfaktoren-Studien zumeist schon aufgrund der Kontextabhängigkeit der Ergebnisse. In Ergänzung zu den betrachteten Aspekten der Standortfaktoren-Studien werden im Folgenden am Beispiel von Standorttypen-Studien zur Kultur- und Kreativwirtschaft einige Aspekte aufgegriffen und näher beleuchtet. 5.3.2 Einzelne Aspekte in Bezug auf Kultur- und Kreativwirtschaft Der Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft soll anhand zweier kürzlich veröffentlichter Ausei- nandersetzungen mit Standorttypen etwas näher betrachtet werden. Davon befasst sich eine Un- tersuchung umfassend mit der Lage in Berlin (Senatsverwaltung für Wirtschaft u.a. 2008: Kapitel 4), bei der anderen werden mehrere Großstädte Nordrhein-Westfalens – insbesondere Köln, Dortmund und Essen – kurz beleuchtet (Ebert u.a. 2008: Kapitel 7.4). Ähnlich wie bei den Stand- ortfaktoren-Studien wird die Kultur- und Kreativwirtschaft auch hier an verschiedenen Branchen und Tätigkeitsprofilen festgemacht: Diese überlappen sich, sind aber nicht identisch. Sowohl für Berlin als auch für die untersuchten Großstädte Nordrhein-Westfalens zeigt sich eine räumliche Schwerpunktsetzung der jeweils betrachteten Wirtschaftsakteure auf Innenstadt- und auf Innenstadtrandgebiete. Diese auch in anderen Studien beobachtete Affinität von Unternehmen der Kultur- und Kreativ- wirtschaft zu innerstädtischen Räumen sollte jedoch nicht zu der generalisierenden Annahme ver- leiten, dass höhere Dichten „kreativer“ Unternehmen ausschließlich „in der Mitte“ zu finden sind: Es können durchaus auch Konzentrationspunkte außerhalb innerstädtischer Lagen bestehen. In den beiden Untersuchungen wird dies etwa anhand der Beispiele aus Essen (Zeche Zollverein) und Berlin (Friedenau oder auch Alt-Tegel) deutlich21 (vgl. Abb. 9 und 10). Wie sich die untersuchten Unternehmen nicht gleichmäßig abnehmend von den inneren zu den äußeren Stadtbereichen verteilen, so stechen bei detaillierterer Betrachtung mindestens zwei wei- tere Unregelmäßigkeiten ins Auge. Besonders auffällig ist zum einen, dass innerhalb der Innenstadt – und damit innerhalb des Gebiets mit der jeweils höchsten Dichte – die Konzentrations- differenzen zwischen einzelnen innerstädtischen Erhebungsräumen erheblich sein können. Es kann also nicht generell geschlossen werden, dass in einem Stadtteil nur aufgrund dessen zentraler Lage eine hohe Dichte an Unternehmen der Kultur- und/oder Kreativwirtschaft anzutreffen ist: Die in den betrachteten Studien festgestellte hohe Konzentration in der Innenstadt relativ zu den äuße- ren Stadtteilen ist ungleichmäßig verteilt und weist in sich jeweils einzelne Konzentrationsbereiche auf. 21 In der Studie zu Berlin wird festgestellt, dass höhere Konzentrationen in äußeren Stadtbereichen in der Regel vorkom- men in Räumen, die direkt an die innere Stadt grenzen, in Zentren der äußeren Ortsteile oder an Standorten mit spezi- fischen Infrastrukturangeboten (vgl. Senatsverwaltung für Wirtschaft u.a. 2008: 108). 38 Abbild Quelle Abbild Quelle Zum Über ung 9: Verteil e: Senatsverw ung 10: Verteil e: Stadt Essen anderen zei lappungen d ung der Untern waltung für Wirts ung ausgewähl n: Essens Kreat igt die Berlin durchaus auc ehmen der Kult schaft u.a. (2008 ter Segmente d tive Klasse 200 ner Studie in ch Unterschie tur- und Kreativw 8: 106). der Kultur- und K 07, abgedruckt b n ihrem Deta ede in der rä wirtschaft in Be Kreativwirtschaf bei Ebert u.a. (2 aillierungsgra äumlichen V rlin ft in Essen 008: 49). ad, dass es n Verteilung un neben zahlre nd der Zentra eichen alitäts- neigu sichts der K kann Abbild Quelle Ange nehm gelfal drück Unter tel (2 leistu 113 f 22 Be – e ung einzelner s der immer Kultur- und K trotz der wes ung 11: Räuml e: Senatsverw sichts der in men der Kultu ll auf eine P klich hervorg rnehmen „in 4 Prozent) w ngen, Gewe f.). esonders hoch w er betrug 86,3 P r Branchen b wieder etwa Kreativwirtsch sentlichen Ü liches Verteilung waltung für Wirts n beiden Stu ur- und Kreat Präferenz für gehoben: Zum Quartieren waren „in Be erbe oder In war der Anteil vo rozent (vgl. Sena zw. Teilmärk as unterschie haft die Rede berlappunge gsmuster des T schaft u.a. (2008 udien dokum tivwirtschaft gemischt ge m Zeitpunkt mit überwieg ebauungsstru