GRÜNFLÄCHEN UND FREIRÄUME IN DER ZUKUNFTSSTADT Konzepte zum Ausbau der grünen Infrastruktur Fokus*Z Nachhaltige Zukunftsstadt September 2020 3 Vielfältiger ökologischer Nutzen Grün- und Freiräume sind für die Lebens- und Umweltqualität in der Zukunftsstadt un- verzichtbar. Als grüne Infrastrukturen sorgen sie für frische Luft, bieten Abkühlung bei sommerlicher Hitze und speichern wert- volles Regenwasser in der Stadt. Für Tiere und Pflanzen sind sie wichtige Lebensräume und tragen so zum Erhalt urbaner Biodi- versität bei. Grünflächen als sozialer Faktor Die Ausgangsbeschränkungen zu Beginn der Corona-Pandemie machten vielen Stadtbe- wohnerInnen deutlich, wie wichtig die sozi- ale Funktion von Grünflächen für Städte ist. Als wohnortnahe Aufenthaltsräume dienen sie der Erholung und Bewegung und wirken sich positiv auf das Wohlbefinden und die Ge- sundheit aus. Darüber hinaus ermöglichen sie als öffentliche nichtkommerzielle Orte auch die Begegnung verschiedener Gene- rationen und den interkulturellen Austausch. Strategische Planung notwendig Kommunen stehen vor der Herausfor- derung, das städtische Grün zu erhalten, qualitativ aufzuwerten und – falls mög- lich – flächenmäßig auszuweiten. „Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe“, weiß Robert Riechel vom Deutschen Institut für Urbanis- tik, der im Synthese- und Vernetzungsprojekt SynVer*Z das Fokusthema „Grünflächen und Freiräume“ koordiniert. Besonders in wach- senden Städten komme es zu Zielkonflikten mit dem Wohnraumbedarf, so der Stadt- forscher. Eine frühzeitige und integrierte Betrachtung von Bauaktivitäten und Frei- raumentwicklung schon auf gesamtstädti- scher Ebene ist dafür erforderlich. Know-how für Kommunen Vor diesem Hintergrund fördert die Zukunfts- stadtforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zahlreiche Verbundprojekte, um neues Handlungswis- sen für Kommunen zum Umgang mit Grün- und Freiräumen zu entwickeln. Die Projekte des Fokusthemas adressieren nicht nur die Planung, sondern gezielt auch die Umset- zung von Begrünungsmaßnahmen. Dafür stehen stellvertretend die Projekte GeWa und Stadtgrün wertschätzen, die im Folgenden vorgestellt werden. Gewerbegebiete prägen als wichtige Stand- ortfaktoren die ökonomische Entwicklung und Ausstrahlung von Kommunen. Laut IÖR- Monitor (2017) werden fast ein Fünftel der Siedlungsfläche in Deutschland als Indus- trie- und Gewerbeflächen genutzt. Vor allem ältere Gewerbegebiete gelten als Inbegriff einer städtebaulichen und ökologi- schen Tristesse: Hohe Versiegelungsraten, geringe Begrünung, brachliegende Flächen, Bodenbelastungen, Infrastruktur- und Ver- kehrsprobleme sind für Unternehmen, Be- legschaft und Kunden wenig attraktiv. Nachhaltige Gewerbegebiete Im Modellprojekt „GeWa. Grün statt grau – Gewerbegebiete im Wandel“ erprobten die Partner gemeinsam mit den Städten Remscheid, Frankfurt am Main und Marl zukunftsweisende Ansätze, um ältere Ge- werbegebiete in eine nachhaltige Stadtent- wicklung zu integrieren. „Im Fokus stand dabei der Aufbau von Netzwerken und die Aktivierung der Unternehmen in den beteilig- ten Gewerbegebieten“, sagt Franziska Böhm vom Wissenschaftsladen Bonn, dem Lead- partner des Projektes. „In der Zusammen- arbeit mit Kommunen und Unternehmen hat GeWa zahlreiche Impulse zur Verbesserung der grünen Infrastruktur umgesetzt – und damit auch die Aufenthaltsqualität und Bio- diversität gefördert.“ Community als Erfolgsgarant Im Remscheider Gewerbe- und Industrie- gebiet Großhülsberg wurde ein tragfähiges Unternehmensnetzwerk aufgebaut, in dem rund ein Drittel der ortsansässigen Firmen vertreten ist. „Zuerst sollten sich die Unter- nehmen kennenlernen“, erläutert Franziska Böhm das Vorgehen. „Im weiteren Verlauf ging es um die Interessen, die es auf dem STÄDTISCHES GRÜN IST EIN MULTITALENT GRÜNE VISITENKARTE FÜR STÄDTE Städtische Biodiversität: Begrünte Gewerbeflächen sind auch für Imker attraktiv Neben öffentlichen und privaten Grünflä- chen gehören auch Straßenbäume und begrünte Dächer und Fassaden zum städ- tischen Grün. Brachflächen und unbebaute versiegelte Flächen stellen wichtige Poten- ziale dar. Begrünte Gebäude sorgen für gutes Klima Fokus*Z2 Areal gibt, etwa bezogen auf Aufenthalts- qualität oder Mobilität.“ Dies sei ein guter Einstieg gewesen, um den städtebaulichen Wandel hin zu einem grünen und attraktiven Gewerbegebiet ins Visier zu nehmen. Unter anderem haben einige Un- ternehmen ihre Grundstücke für Baumpflan- zungen durch die Kommune zur Verfügung gestellt. „Ein idealer Türöffner für weitere Grünprojekte“, so Böhm. Mittlerweile ist ein Verein entstanden, der die nachhaltige Entwicklung des Gebiets vo- rantreibt und den Austausch der Mitglieder fördert. Feuchtbiotop schützt vor Starkregen Die Firma Baum Zerspanungstechnik hat ihr Außengelände im Marler Gewerbegebiet Len- kerbeck naturnah umgestaltet. Mit großem Engagement wurden mehrere Bäume ge- pflanzt, die Zäune begrünt sowie ein Nasch- garten und mehrere Insektenhotels angelegt. Auf dem Gelände gibt es nun auch Bienen- völker, die ‚firmeneigenen‘ Honig erzeugen. „Schutz vor Starkregen bietet die Retentions- mulde, die als Feuchtbiotop auch ökologisch aufgewertet ist“, erklärt Franziska Böhm. Für diese dezentrale Versickerungsmaß- nahme hat die Firma eine Fläche bereit- gestellt: hier kann Regenwasser kurzzeitig oberirdisch gespeichert werden, um das Ka- nalsystem bei stärkerem Regen zu entlasten. Fassadenbegrünung als ‚Klimaanlage‘ Im Frankfurter Modellgebiet Seckbach / Fe- chenheim-Nord entschied sich die Firma Carl Friedrichs, die großflächigen Fassaden mit einem Bienennährgehölz zu begrünen. Das Konzept wurde in enger Abstimmung mit den GeWa-Partnern im Frühjahr 2019 rea- lisiert. „Die begrünte Fassade bindet Staub, kühlt das Gebäude und belebt die biologi- sche Vielfalt“, lobt Böhm das überzeugende Projekt, das bei Belegschaft und Kunden des Karosseriebauers hervorragend ankommt. Praxiswissen für Kommunen Die Erfahrungen aus den drei Modellgebieten hat GeWa in mehreren Publikationen zusam- mengestellt, die als Impulsgeber für Kom- munen dienen, u.a.: * Themenheft biologische Vielfalt * Themenheft Klimaanpassung * Nachhaltige Gewerbegebiete – Empfehlungen für Kommunen In der zweiten Förderphase wird nun u.a. er- probt, wie Gewerbegebiete multifunktional begrünt werden können. Neben vier Modell- kommunen sind auch sechsTransferstädte eingebunden. „Damit wollen wir auch die in- terkommunale Netzwerkbildung rund um das Thema grüne Infrastruktur stärken“, resümiert Böhm. Grün statt Grau – Gewerbegebiete im Wandel (GeWa) Untersuchungsorte: Remscheid, Marl, Frankfurt am Main Verbundpartner: * Wissenschaftsladen Bonn * Universität Osnabrück * Technische Universität Darmstadt * Global Nature Fund (GNF), Bonn * Stadt Frankfurt am Main Stadtplanungsamt * Stadt Remscheid, Stadtentwicklung und Rahmenplanung * Stadt Marl, Planungs- und Umweltamt Weitere Infos: http://gewerbegebiete-im-wandel.de/ Hochbeete im Gewerbegebiet Lenkerbeck Fassadenbegrünung in Planung Gemeinsame Pflanzaktion auf dem Gelände der Firma Baum 5 Die Bedeutung und der vielfältige Nutzen von Grünflächen – etwa für die Anpassung an Folgen des Klimawandels und damit für unsere Lebensqualität – sind in der Öffent- lichkeit meist unbestritten. Dennoch werden Jahr für Jahr wertvolle kommunale Freiflä- chen wie z.B. Kleingärten und Brachen für Bauvorhaben geopfert. Das Verbundprojekt „Stadtgrün wertschät- zen“ entwickelte seit 2017 Konzepte, um hier gegenzusteuern. „Wir haben uns gefragt, durch welche partizipativen Ansätze natur- nahes, artenreiches und klimaangepasstes Grün in Kommunen gefördert werden kann“, erläutert Projektleiterin Franziska Mohaupt vom Institut für ökologische Wirtschaftsfor- schung. Es entstanden praxisnahe Hilfestel- lungen für die kommunale Politik und das Grünflächenmanagement, u.a. ein Bewer- tungsinstrument für Stadtgrün. Partner- städte waren Augsburg, Karlsruhe, Leipzig und Nürnberg. Welchen Wert hat städtisches Grün? Mit dem innovativen Bewertungstool wird der Wert von Klimaanpassungspotenzialen und Ökosystemdienstleistungen von Grünflächen in Euro dargestellt. Die Datenbank- und GIS- gestützte Excel-Anwendung ermöglicht es, die Wirkungen von Szenarien bezogen auf ein Raster von 1000 mal 1000 Metern abzu- schätzen und zu bewerten. „Eingeben kann man z.B. den Anteil naturnaher Grünfläche, Gründächer, begrünte Rad- und Fußwege und die Anzahl von Bäumen pro 100 Meter Straße“, sagt Franziska Mohaupt. Das Tool zeigt auch, wo die Bevölkerung durch Hitze- effekte besonders betroffen und eine Aus- weitung von Grünflächen nötig ist. VORRANG FÜR KOMMUNALES GRÜN Werkzeug für Entscheider Im Projekt wurden gemeinsam mit den Partnerstädten verschiedene Planungsop- tionen bewertet. Eine gezielte Erweiterung von Grünflächen in Leipzig ergab einen Wert von fast 50 Millionen Euro: u.a. weil hitze- bedingte Arbeitsausfälle durch die Kühlef- fekte städtischen Grüns vermieden werden und geringere Kosten für Wasserrückhalte- vorrichtungen anfallen. „Die Städte sind von diesem Tool begeistert“, resümiert Mohaupt. „Es versachlicht die Argumente für urbanes Grün und steigert die Wertschätzung bei Ent- scheidern – ein strategisches Werkzeug für die Verhandlungsprozesse in der Stadtpla- nung.“ In der zweiten Projektphase wird das Bewertungstool weiterentwickelt, damit die ökonomischen Effekte von Grünflächen auch für kleinteiligere Räume wie Kieze und Stra- ßen ermittelt werden können. Know-how für Praktiker Das Verbundprojekt Stadtgrün wertschät- zen unterstützt das naturnahe und klima- angepasste Grünflächenmanagement mit drei weiteren Handreichungen. Die „Kon- zeptvorlage für eine kommunale Strategie“ dient als Kompass für eine übergeordnete Strategiebildung, um Grünflächen zu erhal- ten und auszubauen. Mit einer Word-Vorlage wird der gesamte Planungs- und Erarbei- tungsprozess strukturiert: von der Neupla- nung einer Grünfläche über den Erhalt bis zur Umgestaltung. Der „Fragebogen zur Dokumentation der Qualität von Grünflächen“ ermöglicht Kom- munen eine Bestandsaufnahme, die auch be- reits bestehende Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität aufzeigt. Damit kann die Pflege- und Unterhaltspraxis von Stadtgrün verbessert werden. Im „Leitfaden Partizipa- tion“ werden Formate für Beteiligungspro- zesse speziell für die Grünflächenplanung und die Thematisierung von biologischer Vielfalt und Klimaanpassung vorgestellt. „Damit können kommunale Verwaltungen und auch BürgerInnen angesprochen und gezielt zu diesen nicht ganz einfachen Fra- gestellungen eingebunden werden. Dies ist auch ein Weg, sie für die Vorzüge von Grün- flächen zu begeistern“, sagt Stadtforsche- rin Mohaupt. STADTGRÜN. Stadtgrün wertschätzen Untersuchungsorte: Augsburg, Karlsruhe, Leipzig, Nürnberg Verbundpartner: * Institut für ökologische Wirtschaftsforschung * Deutsche Umwelthilfe * Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung * Stadt Augsburg * Stadt Karlsruhe * Stadt Leipzig * Stadt Nürnberg Weitere Infos: https://www.ioew.de/projekt/ stadtgruen_wertschaetzen Mehr Grün für Leipzig: Kinder helfen bei der Ansaat Fokus*Z6 7 Forschen für die Zukunftsstadt Die Zukunftsstadt ist lebenswert, CO2-neutral, klimaangepasst, energie- und ressourcen effizient. Mit der Zukunftsstadtforschung adressiert das Bundesministerium für Bildung und For- schung zentrale Herausforderungen der nachhaltigen Stadtentwicklung. Das Synthese- und Vernetzungsprojekt SynVer*Z begleitet und strukturiert die Zukunftsstadtfor- schung. Es wird gemeinsam vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dem ISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung sowie der Gröschel Branding GmbH durchgeführt. Fokus*Z In der Publikationsreihe Fokus*Z werden die Fokusthemen der beiden BMBF-Förder- maßnahmen „Leitinitiative Zukunftsstadt“ und „Nachhaltige Transformation urbaner Räume“ vorgestellt. Kurze Reportagen vermitteln einen Einblick in die Reallabore der Forschungsprojekte. Herausgeber: Synthese- und Vernetzungsprojekt Zukunftsstadt (SynVer*Z) Redaktion: Gröschel Branding, Deutsches Institut für Urbanistik Konzept, Text, Design: Gröschel Branding Fotos: Gröschel Branding, pixabay (Titel), Robert Riechel / Deut- sches Institut für Urbanistik (S. 2), Pressestelle Stadt Marl (S. 3, 4), Martin Franz (S. 5), Stadt Leipzig, Amt für Stadtgrün und Gewässer (S. 6) www.nachhaltige-zukunftsstadt.de @synverz SynVer*Z Synthese und Vernetzung *Zukunftsstadt